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Rezension »Manifeste des Futurismus«

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In der Dezember-Ausgabe der konkret habe ich eine Rezension von Filippo Tommaso Marinettis »Manifeste des Futurismus« (Matthes & Seitz, 2018) veröffentlicht.

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Auf der Rattenlinie

t_IKKAg3_400x400Der französische Journalist und Schriftsteller Olivier Guez erzählt in seinem Roman »Das Verschwinden des Josef Mengele« vom Leben des nationalsozialistischen Kriegsverbrechers nach 1945, der sich bis zu seinem Tod 1979 der Verhaftung entzog. Kann das funktionieren? 

Helmut Gregor ist in Gedanken versunken. Endlich, nach drei Wochen haben er und seine Mitpassagiere mit dem Ozeandampfer »North King« Buenos Aires erreicht. Selbst ihm, dem »erstklassigen Wissenschaftler«, werden am Hafen die »Schikanen« der argentinischen Zollbehörden nicht erspart bleiben. Der Reisende, der kein Wort Spanisch spricht, kommt notdürftig in einem Hotel unter, und da es ihm nicht gelingt, die durch seinen Schleuser vermittelten Kontakte ausfindig zu machen, muss er lernen zu improvisieren.

Mit der Schilderung dieser nicht untypischen Exilerfahrungen seines Protagonisten beginnt der 2017 in Frankreich erschienene Roman von Olivier Guez. Zuhause schienen Helmut Gregor eine vielversprechende Universitätslaufbahn und enorme soziale Anerkennung so gut wie sicher. Doch die Alliierten haben den Krieg gewonnen, und damit ist auch Gregors wissenschaftliches Renommée dahin. Vor der Kapitulation Deutschlands hieß Helmut Gregor Josef Mengele.

Auf knapp 200 Seiten erzählt Guez in seinem jetzt auf Deutsch vor­liegenden Roman »Das Verschwinden des Josef Mengele« vom Leben des nationalsozialistischen Kriegsverbrechers nach 1945. In seiner Funktion als Lagerarzt von Auschwitz nahm Mengele Selektionen vor, überwachte die Vergasung der Opfer und führte grausame medizinische Experimente an Häftlingen durch. Die literarische Form des Romans ist der Versuch, sich mit der Persönlichkeit des ­Täters auseinanderzusetzen. Gerade zu Beginn des Romans besticht die ­lakonische Erzählsprache, die vor ­allem eine Innenansicht des Zynismus Josef Mengeles, aber auch ­anderer nach Lateinamerika emigrierter Nazis gewährt. Guez wird dabei jedoch nie nihilistisch oder affirmativ, da er die Banalität der Bösen immer wieder mit der Monstrosität ihrer Verbrechen kontrastiert.

So fühlt sich der eitle Bildungs­bürger und ehrgeizige Karrierist Mengele, als er sich mit der schachbrettartigen Topographie von ­Buenos Aires vertraut macht, wie ein »unbedeutender Floh«, er, der ­unlängst noch ein ganzes Reich tyrannisiert hatte, und »denkt an eine ­andere Planstadt«. Dort hatte er »seine besten Jahre als Ingenieur der Rasse verbracht (…), eine verbotene Stadt in dem beißenden Geruch von verbranntem Haar und Fleisch, ringsherum Wachtürme und Stacheldraht«. Mit dem Motorrad, Fahrrad oder Auto war Mengele damals ­»zwischen den gesichtslosen Schatten umhergefahren, unermüdlicher Kannibalen-Dandy, Stiefel, Handschuhe und Uniform blitzblank, die Mütze etwas schief aufgesetzt«. ­Sogar »seine Kameraden vom Schwarzen Orden hatten Angst vor ihm. An der Rampe, wo die europäischen Juden selektioniert wurden, waren sie betrunken, er aber blieb nüchtern und pfiff lächelnd ein paar Takte aus ›Tosca‹.«

Man erfährt im Buch einiges über das gesellschaftliche Klima in ­Lateinamerika, in der Bundesrepublik Deutschland und auch in Israel. So finanzierte Kurt Mengele, auch nach 1945 ein mächtiger Firmenchef im bayerischen Günzburg, großzügig die Flucht seines Sohns. Argentinien ist, wie Guez detailliert beschreibt, ein Dorado für geflohene Nazis, mit ­deren Hilfe Staatspräsident Juan Péron dem Land zu neuer Größe verhelfen will. Ohne mit der Wimper zu zucken, stellte das westdeutsche Konsulat in Buenos Aires Josef Mengele einen Personalausweis und eine Geburtsurkunde aus, die argentinischen Behörden erteilten ihm eine Aufenthaltsgenehmigung: »Benvido, señor Mengele«, kommentiert der allwissende Erzähler trocken. Die nachgezogene Ehefrau Martha lässt sich ins Telefonbuch eintragen, die Mengeles ziehen in eine große, repräsentative Villa ein. »Der Pascha ­bekommt Gesellschaft und wird bürgerlich. Das Leben meint es gut mit ihm«, kommentiert der Erzähler.

In Israel ist man nach dem Sechs-Tage-Krieg zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, um Mengele und andere Nazis aufzuspüren. Denn nach 1967 waren die Israelis bei der UN so sehr auf die Stimmen aus Lateinamerika angewiesen, dass eine Einmischung in die Souveränität andere Staaten wie bei der Entführung von Adolf Eichmann durch den Mossad 1961 nicht mehr in Frage kam.

Nach einigen Jahren des unbehelligten Lebens in Buenos Aires kann Mengele jedoch immer weniger auf sein weltweites Netzwerk vertrauen. Der ehemalige Lagerarzt von Auschwitz fürchtet seine Entdeckung und wird ständig paranoider. Dieser letzte Abschnitt in Mengeles Biographie, dessen Leben 1979 in Brasilien nach einen Schlaganfall beim Schwimmen im Meer endet, behandelt Guez im zweiten Teil seines Romans. Dort beginnt der Autor seine zuvor kluge, psychologische Herangehensweise zugunsten markiger Metaphern aufzugeben: Mengele wird, wie Guez schreibt, vom privilegierten »Pascha« in Buenos Aires zur durch Lateinamerika gejagten »Ratte«.

Mit dieser Formulierung bezieht sich der Autor auf die sogenannten rat lines, eine von US-amerikanischen Geheimdienst- und Militärkreisen geprägte Bezeichnung für Fluchtrouten führender Vertreter des NS-Regimes und SS-Angehöriger nach Südamerika. Leider wird die präzise Schilderung von Milieus, Ideologien und historischen Kontexten im zweiten Teil des Romans ­allzu häufig von einer effekthascherischen Sprache ersetzt. So werden nicht nur Mengeles Geliebte in Paraguay unnötigerweise als »Tropen-Bovary« und Simon Wiesenthal als »letzter Mohikaner der untergegan­genen Welt der ost- und mitteleuropäischen Juden« bezeichnet. In ­Hinblick auf Mengele ist sogar von Kainsflüchen, »Höllenfahrten« oder »mephistophelischen Augenbrauen« die Rede – Bilder, die blenden und Gefahr laufen, Josef Mengele, den Täter mit Geschichte, in einen überhistorischen Dämon zurückzuverwandeln.

Auch das Ende des Romans ist ­ärgerlich: Im Epilog versucht Guez wieder an die lakonische Sprache des Romananfangs anzuknüpfen. Doch das misslingt, da der Erzähler hier nicht mehr den absurd-unbehelligten Alltag des nach Lateinamerika emi­grierten Nazimilieus beschreibt, sondern versucht, die Schilderungen von Überlebenden wiederzugeben, die Opfer des KZ-Arztes waren. Von ­einem »Martyrium« der für medizinische Versuche misshandelten Häftlinge will man in diesem Zusammenhang eigentlich nicht lesen. Ebenso wenig wie von einer »Holocaust-Welle«, die in Form der gleichnamigen Fernsehserie oder von Claude Lanzmanns »Shoah« »über die westliche Welt schwappt«.

Abschließend versucht Guez sogar, »Das Verschwinden des Josef Mengele« zu einer Art Lehrstück zu machen. Das geschieht jedoch recht ­unvermittelt. Es ist immer noch derselbe allwissende Erzähler, der plötzlich schreibt: »Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlischt die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.« Und er schließt mit den Worten: »Nehmen wir uns in Acht, der Mensch ist ein formbares Geschöpf, nehmen wir uns vor den Menschen in Acht.« Unklar ist, ob Guez mit diesem Ende geschichtsphilosophische Thesen vertreten will. Oder einfach nur nach einem pastorales Schlusswort suchte, das der Mystifizierung Men­geles dient, die Guez drauf und dran war, literarisch zu dekonstruieren.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele. Aus dem Französischen von ­Nicola Denis. Aufbau-Verlag, Berlin 2018. 224 Seiten, 20 Euro

(veröffentlicht in: Jungle World 45/18)

Vereinte Nationen gegen Israel

leadImage_large.jpgWie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert.

Vom ewigen Frieden ist die Welt weit entfernt. Daran haben die Vereinten Nationen nichts geändert. Die Welt ist heute so gewalttätig wie lange nicht mehr, und bei der globalen Durchsetzung von Menschenrechten fällt die Bilanz der UN bescheiden aus. Das liegt unter anderem auch an Institutionen wie dem Menschenrechtsrat, einem Unterorgan der Generalversammlung, das als Hauptforum der UN für den Dialog und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Menschenrechte dienen soll. Letztlich bildet der Menschenrechtsrat schlicht die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Vereinten Nationen ab. Bekanntlich sind die meisten UN-Mitgliedsstaaten nicht vom Versuch angetrieben, Kants Utopie »Zum ewigen Frieden« zu verwirklichen, sondern verfolgen rücksichtslos eigene politische, wirtschaftliche und ideologische Interessen.

Gegen die Gründung des Menschenrechtsrates, der 2006 die Menschenrechtskommission ablöste, stimmten unter anderen die USA und Israel. Zwar waren die UN eine Art Geburtshelfer Israels, indem sie 1947 den von den arabischen Staaten mit Waffengewalt abgelehnten Teilungsplan für das vormals britische Mandatsgebiet verabschiedet hatten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich jedoch die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der UN gewandelt, hin zu dezidiertem Antizionismus oder zumindest starker Indifferenz gegenüber dieser postmodernen Variante des Antisemitismus.

Israel ist in den UN längst der »Jude unter den Staaten«, wie es der französische Historiker Léon Poliakov einst formulierte. Wie es dazu kam, kann detailliert in Alex Feuerherdts und Florian Markls Buch Vereinte Nationen gegen Israel nachgelesen werden. Darin wird nicht nur der Menschenrechtsrat in den Blick genommen. Weitere Themen sind die »Zionismus ist Rassismus«-Resolution von 1975, das palästinensische Flüchtlingshilfswerk UNRWA, die UNESCO sowie die zahlreichen, auch von der UN geförderten NGOs in der Region.

Aktuell gehören dem Menschenrechtsrat 53 Staaten an, von der Generalversammlung gewählt für jeweils drei Jahre. Die Zusammensetzung des Rates soll die Mitgliederstruktur der UN geographisch ausgewogen abbilden, weshalb 13 Sitze an afrikanische Staaten, 13 an asiatische, sechs Sitze an osteuropäische, acht an lateinamerikanische und karibische sowie sieben Sitze an westeuropäische und andere Staaten fallen. Doch wie soll es möglich sein, universale Menschenrechte – etwa für religiöse und ethnische Minderheiten, Frauen und LGBTI – durchzusetzen, wenn aktuell Staaten wie Ägypten, die Philippinen, Saudi-Arabien, Ungarn oder Venezuela dabei sind?

Besonders kritikwürdig ist der obsessive Fokus des Menschenrechtsrates auf Israel. Dem jüdischen Staat, und nur ihm, ist in jeder Versammlung ein fester Tagesordnungspunkt gewidmet. Von einer ausgewogenen Beschäftigung mit der »menschenrechtlichen Situation in Palästina und anderen besetzten arabischen Territorien«, wie es in den Statuten heißt, ist der Rat meilenweit entfernt. Denn es geht nie um Menschenrechtsverstöße durch die Hamas in Gaza oder die Fatah im Westjordanland, sondern ausschließlich Israel gerät für reale oder imaginierte Menschenrechtsverletzungen ins Kreuzfeuer. Nicht selten scheut man sich im Rat sogar, den Namen des seit 70 Jahren existierenden Staates in den Mund zu nehmen.

2015 veröffentlichte die Genfer NGO UN Watch eine Statistik, die zeigt, welche Staaten der Menschenrechtsrat seit 2006 wegen realer oder vermeintlicher Verstöße gegen seine Grundsätze verurteilt hat: 62 Resolutionen richteten sich gegen Israel, 55 Verurteilungen kamen auf alle anderen Staaten der Welt, darunter sämtliche Autokratien, Despotien und Diktaturen. Eine bizarre Verteilung. Inhaltlich wird dabei immer wieder das altbekannte ideologische Repertoire des Antizionismus bemüht. Besonders absurd ist es, wenn Staaten, in denen Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, bei der Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates wetteifern. So warf ausgerechnet der Iran in der Versammlung vom 25. September 2017 Israel »Kriegsverbrechen«, »ethnische Säuberungen« und »Staatsterrorismus« vor.

Noch grotesker wird es, wenn etwa die UN-Frauenrechtskommission Israel als weltweit größten Frauenrechteverletzer an den Pranger stellt, so wie auf ihrer Jahressitzung im März 2015 geschehen. »Die israelische Besatzung bleibt das Haupthindernis für palästinensische Frauen, was ihre Fortschritte, ihre Eigenständigkeit und ihre Integration in die Entwicklung ihrer Gesellschaft betrifft«, hieß es dort unter Ausblendung jeglichen Einflusses palästinensischer Männer, religiöser Erlasse oder patriarchaler Gewalt. Für die Resolution stimmten 27 Staaten, darunter Iran und Sudan. 13 Staaten, darunter die Mitglieder der EU, enthielten sich. Nur die USA und Israel stimmten dagegen.

Von Feuerherdt und Markl wird all dies meist unaufgeregt und quellengestützt diskutiert. Lesenswert sind zudem die historischen Teile des Buches, etwa zur frühen Haltung der Sowjetunion zu Israel. Gelegentlich schießen die Autoren jedoch über ihr Ziel hinaus: So etwa bei ihrer Einschätzung der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland und in Ostjerusalem. Hier hätte dem Buch eine differenziertere Argumentation gut getan. Zwar wird auch in Deutschland die israelische Siedlungspolitik oft monokausal als alleiniges Friedenshindernis imaginiert. Doch es ist falsch, die Siedlungen umgekehrt als bloßen Ausdruck israelischer Sicherheitsbedürfnisse darzustellen. Schade, denn das dürfte Wasser auf den Mühlen derjenigen sein, die bei jeder Kritik der UN-Positionen zu Israel sofort »rechte Netanjahu-Anhänger« am Werk sehen – in vollkommener Unkenntnis innerisraelischer Debatten von 1967 bis heute.

Alex Feuerherdt/ Florian Markl: Vereinte Nationen gegen Israel. Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2018. 336 Seiten, 24,90 Euro.

(veröffentlicht in: iz3w 369)

Interview David Hirsh // Rezension Michaela Melián

titel0918-53a68c35In der September-Ausgabe der konkret habe ich zwei Texte veröffentlicht: ein Interview mit David Hirsh über Antisemitismus in der britischen Linken. Hirsh ist Lehrbeauftragter am Goldsmiths College der University of London, Mitglied der Labor-Partei und Gründer von Engage, einem Netzwerk gegen akademische Boykotte Israels.  Und ebenfalls in der Ausgabe: eine Rezension zu Michaela Meliáns Audioarbeiten »Music from a Frontier Town« (Hörspiel, Musik-EP, Installation), einer eigenwilligen Soundcollage aus zufällig gefundenen Schallplatten der Reeducation-Ära.

Ohne Ausrufezeichen

Zwei Bücher nähern sich Israel auf nachdenkliche Weise

cover.doAls teilnehmenden Beobachter, der ständig hin und her springt in seinem Blick auf das Land, das ihn seit seiner Kindheit mit am meisten beschäftigt, sieht sich Richard C. Schneider. Mit Alltag im Ausnahmezustand hat der 1957 geborene Journalist und ehemalige Leiter des ARD-Studios Tel Aviv nun ein Buch veröffentlicht, in dem er auf die Entwicklungen im jüdischen Staat wie bei ihm üblich sehr differenziert blickt. Argumentative Abwägung trifft auf eine politisch liberale, zionistische Haltung.

So gelingt es Schneider, den Terrorismus von Iran, Hamas und Hezbollah ernst zu nehmen, ohne den kritischen Blick auf politische Prozesse in Israel sowie Handlungsspielräume und Fehlentscheidungen von israelischen PolitikerInnen zu verlieren. Die schematische Vorstellung des „Alle sind gegen uns“ kritisiert Schneider als „Prinzip Bibi“ (in Anspielung auf den Spitznamen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu). Sich kompromisslos und pauschal für oder gegen „eine Seite“ entscheiden zu müssen – die es so monolithisch und identitär in den meisten Fällen ja gar nicht gibt –, das ist Schneider zu unterkomplex.

Die für Israel existenzbedrohende terroristische Gefahr reflektiert Schneider in seiner Diskussion eines möglichen Abzugs aus der Westbank. Bei aller Kritik an nationalreligiösen Vorstellungen von Groß-Israel und der Siedlungspolitik der Regierung Netanjahu sind für Schneider auch sicherheitspolitische Argumente von Gewicht. Man müsse sich nur vorstellen, die nach 1967 annektierten Golanhöhen gehörten heute wieder zu Syrien: „Dann säßen heute die Hezbollah oder der IS oder al-Quaida ganz oben auf der Bergkette und würden Israel massiv bedrohen. Selbst die israelische Linke ist heilfroh, dass die Verhandlungen [über die Rückgabe an Syrien] damals scheiterten“, so Schneider.

Deutlich kritisiert Schneider die im Kern antizionistischen Erwartungen vieler Deutschenr und EuropäerInnen an die Israel-Berichterstattung. DanebenZudem werde das Land in der Regel auf den Konflikt mit den PalästinenserInnen verengt und dieser als einer der ältesten und brennendsten Konflikte der Welt, ja sogar als Wurzel aller Übel im gesamten Nahen Osten imaginiert.

Gegen die Platitüden anschreiben

Im Schlusskapitel reflektiert Schneider über den Vorwurf, als Jude könne er nicht „objektiv“ über Israel und den Nahen Osten berichten. Vielfach sei er zuallererst als jüdischer Journalist wahrgenommen worden – und nicht als deutscher Journalist, der zufällig auch Jude ist. „Haben sich die Zweifler an der ‚jüdischen Objektivität‘ eigentlich je gefragt, wieso ein nichtjüdischer Deutscher besser geeignet sein soll, über den jüdischen Staat zu berichten?“ kommentiert dies Schneider. „Hat man vorher genau gecheckt, ob es in seiner Familie keine Nazis, sondern nur Widerständler gab? Und selbst wenn – macht ihn das zum objektiveren, besseren Journalisten, der jüdischen Israelis ganz offen und unbefangen gegenübertreten kann?“

Für das hiesige Publikum aus Israel zu berichten bedeutet für den in München geborenen Journalisten stets, die deutsche Geschichte mitzudenken. Zu häufig sei ihm eine als Besserwisserei getarnte Befangenheit deutscher „Experten“ entgegengeschlagen – ebenso wie die Selbstgefälligkeit und Arroganz der vielen Philo- und Antisemiten sowie die Naivität derjenigen, die nur Platitüden äußern wie „Gewalt produziert nur weitere Gewalt“.

Weitere Themen in Schneiders vielseitigem Buch sind die antisemitische Boykottbewegung BDS und der Exodus der französischen Juden. Zudem skizziert Schneider einige zentrale Trennungslinien der israelischen Gesellschaft, etwa entlang der Kategorien säkular-orthodox, aschkenasisch-sephardisch oder technologisch innovativ-rückwärtsgewandt.

Außerdem berichtet Schneider über die Unsichtbarkeit der PalästinenserInnen im israelischen Alltag, aber auch über Beispiele bemerkenswerter Eigeninitiative, die sich dem wirkmächtigen palästinensischen Opfer-Narrativ entgegensetzen. Etwa in der Stadt Rawabi im Westjordanland, wo Bashar al-Masri mit seinem Team die erste moderne palästinensische Stadt gebaut hat. Sie entspreichet den Bedürfnissen vieler junger PalästinenserInnen, mit Wohneinheiten nicht für Groß-, sondern für Kleinfamilien, mit Einkaufszentren, Theatern, Restaurants und Moscheen. Schneider erzählt die Geschichte des Baus von Rawabi anhand der jungen Beduinin Shaadia. Als Chefingenieurin des Projekts, unverschleierte Säkulare und Befürworterin einer Zusammenarbeit mit Israelis muss sie sich gleich in mehreren Kämpfen durchsetzen: Gegen die alten Männer der Autonomiebehörde, gegen die IslamistInnen, aber auch gegen Widrigkeiten der israelischen Besatzung.

Der Umgang mit Terror, seine Bekämpfung ohne allzu große Einschränkung von Persönlichkeitsrechten, die Frage nach dem Verhältnis zum Fundamentalismus von außen wie von innen, der Zusammenhalt einer multiethnischen Gesellschaft, der Umgang mit Rassismus oder die Möglichkeiten wirtschaftlichen Aufschwungs unter schwierigsten Bedingungen – all dies sind Schneider zufolge Herausforderungen, denen sich Israel schon seit Jahrzehnten stellen muss, die aber auch in Europa an Bedeutung gewonnen haben. Mit dieser Einschätzung liegt Schneider richtig. Und warum nicht Inspiration in Israel finden? Für die Aneignung des dafür erforderlichen Wissens über die einzige Demokratie im Nahen Osten ist Schneiders Buch eine gute Hilfe.

Chance auf Empathie

42802Unter dem Titel Liebe Fanatiker sind drei Essays von Amos Oz erschienen, die auf älteren Texten und Vorträgen basieren. Sie sind Ausdruck von Oz‘ Selbstverständnis als politisch engagierter Intellektueller, und eine Einladung, ja fast schon Aufforderung zur Debatte über Israel: Sie wollen „um die Aufmerksamkeit jener bitten, die anderer Meinung sind als ich“, so der 79-Jährige im Vorwort.

„Liebe Fanatiker“ ist keine Detailstudie einzelner Personen oder Milieus, sondern kreist um zentrale, Oz zufolge dem Fanatismus per se eigene Momente: das Denken in Schwarz-weiß-Schemata, die wachsende Sehnsucht nach „einfachen Lösungen“ in Verbindung mit dem weltweiten Aufweichen der Grenzen zwischen Politik und Unterhaltungsindustrie, kompromisslosenr Dogmatismus und mangelnder Toleranz gegenüber Andersdenkenden, blinder Gefolgschaft, das infantile Bedürfnis, sich einem Kollektiv unterzuordnen, die Aufgabe von Privatheit und des politischen Denkens zugunsten der Emotion und des Ressentiments, sowie das „Schwelgen in bittersüßer Sentimentalität, die aus einer Mischung von kochender Wut und klebrigem Selbstmitleid besteht.“

Wie dem Fanatismus und den Fanatikern entgegenwirken? Oz betont die heilenden Kräfte einer Vorstellungskraft, die die abstrakte Gewalt von Parolen wie „Tod den Arabern“ oder „Tod den Juden“ konkret werden lässt – und somit die Chance auf Empathie und die Verschiebung des Blickwinkels von identitären Kollektiven hin zu situierten Individuen mit sich bringt. Daneben betont Oz die Bedeutung von Neugier, Phantasie und Humor, der einhergehe mit Relativismus und Mäßigung.

Teil des Umgangs mit Fanatismus sei auch ein Blick auf sich selbst: „Der Fanatiker ist ein wandelndes Ausrufezeichen“, schreibt Oz. Er ist kein naiver Pazifist, der militärische Interventionen pauschal ablehnt, gibt aber zu bedenken: „Der Kampf gegen Fanatismus sollte nicht darin bestehen, mit einem Gegen-Ausrufezeichen zu kontern. Der Kampf gegen den Fanatismus bedeutet nicht, alle Fanatiker zu vernichten, sondern, vielleicht, eine behutsame Therapie für den kleinen Fanatiker, der sich mehr oder weniger in vielen von uns versteckt, zu finden, unsere eigenen Ausrufezeichen ein bisschen zu belächeln und neugierig zu werden und nicht nur manchmal in das Fenster des Nachbarn zu schielen, sondern auch zu sehen, wie sich dessen Realität darstellt, eine Realität, die notwendigerweise anders ist als die Realität, die wir von unserem eigenen Fenster wahrnehmen.“ Eine weitere Einsicht von Oz lautet: „Die Immunisierung gegen Fanatismus hängt auch von der Bereitschaft ab, in offenen, ungewissen Situationen zu leben.“

Für die mit jüdischen Texten aus den letzten Jahrtausenden nicht so Vertrauten könnte Oz‘ Essay „Viele Lichter, nicht nur eins“ auf den ersten Blick verwirrend sein. Die Lektüre lohnt sich dennoch: Es geht um die Pluralität jüdischer Identitäten, ihre intellektuellen Referenzen und Quellen – und nicht zuletzt um eine humanistische jüdische Ethik. Deren zentrale Pfeiler sind Oz zufolge Demokratie, Pluralismus und die Fähigkeit, kreativ mit überlieferten Texten und Traditionen umzugehen. Dadurch stelle sie sich Milieus auch innerhalb Israels entgegen, die für sich einen jüdischen Alleinvertretungsanspruch reklamieren.

Abschließend reflektiert Oz die Chancen einer Zwei-Staaten-Lösung und die Zumutungen durch extremistische Rechte in Israel sowie durch Anti- und Postzionisten. Diese hätten eine „Zange“ angelegt, um den „Geist der zionistischen Linken zu brechen“ und „uns zu zwingen, zwischen dem Verzicht auf Zionismus und dem Verzicht auf Demokratie zu wählen“. Beide Lager hofften, „dass diese Wahl für uns so schrecklich sei, dass uns nichts anderes übrigbleibe, als einfach abzuhauen“. Möge ihnen das auch weder bei Amos Oz noch anderen Israelis nicht gelingen.

Richard C. Schneider: Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel. Verlag DVA Sachbuch, München 2018. 293 Seiten, 22 Euro.

Amos Oz: Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Suhrkamp, Berlin 2018. 140 Seiten, 18 Euro.

(veröffentlicht in: iz3w 368, September/Oktober 2018)

Zwischen Opportunismus und Antisemitismus

leadImage_large.jpgIn Deutschland ist die Wahrnehmung des iranischen Regimes trotz punktueller Kritik an Menschenrechtsverletzungen von einer Verharmlosung und einer Personalisierung geprägt. Selten gerät das Regime umfassend in den Blick. Die Holocaustleugnung etwa wird häufig lediglich sogenannten „Hardlinern“ wie dem ehemaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zugeschrieben, der dem Regime immanente eliminatorische Antizionismus aber ausgeblendet. So lautet einer von Stephan Grigats Kritikpunkten an dem in Deutschland vorherrschendem Diskurs über den Iran. Als Gegengewicht hierzu versteht er die 13 Beiträge des von ihm herausgegebenen Sammelbandes Iran, Israel, Deutschland.

Ein Teil der Beiträge setzt sich kritisch mit dem 2015 geschlossenen Atomdeal und seiner Rezeption in Deutschland auseinander. Emily B. Landau, eine Sicherheitsexpertin der Tel Aviv University, analysiert die israelischen Reaktionen auf den Atomdeal und das iranische Nuklearprogramm seit 1990. Damals kam Israel aufgrund von Geheimdienstinformationen zu dem Schluss, dass die Islamische Republik an einem militärischen Atomprogramm arbeitet. Hervorzuheben ist Landaus Analyse der Positionen der israelischen Premierminister Ariel Sharon, Ehud Olmert und Benjamin Netanjahu zur nuklearen Bedrohung durch den Iran. In deutschen Medien, wo die Dämonisierung Israels, haltlose Bellizismus-Vorwürfe und ein mangelndes Interesse an inner-israelischen Debatten stark verbreitet sind, liest man eine solche Analyse selten.

Matthias Küntzel wirft einen Blick auf die deutsche Rolle bei den Atomverhandlungen. Berlin verfolgt ihm zufolge seit Jahren einen janusköpfigen Kurs: Einerseits will Deutschland mit dem Iran besondere Beziehungen unterhalten, für das es sogar das Risiko der iranischen Bombe in Kauf nimmt;  andererseits aber auch besondere Beziehungen mit Israel, wie sie etwa Angela Merkel in ihrer berühmten Knesset-Rede hervorgehoben hatte, in der sie Israels Sicherheit als Teil der deutschen Staatsräson bezeichnete. „Früher oder später wird sich Deutschland […] entscheiden müssen“, schreibt Küntzel. „Entweder es verbündet sich mit Israel und den anderen Nationen des Westens, um die totalitäre Bewegung des Islamismus, einschließlich Teheran, in seine Schranken zu weisen. Oder es bleibt bei seiner ‚historisch gewachsenen strategischen Präferenz‘ und befördert den Aufstieg Irans zur Regional- und Atommacht, um davon zu profitieren.“

Den iranischen Einfluss in Deutschland thematisiert Ulrike Becker. So ist das Regime etwa in Form des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) nicht nur in die Organisation der antisemitischen Al-Quds-Märsche in Berlin involviert, sondern kann durch einen Staatsvertrag mit der Stadt Hamburg sogar Einfluss auf islamischen Religionsunterricht nehmen. Deutschland ist seit langem einer der wichtigsten Handelspartner des Iran – und soll es in Zukunft wohl auch bleiben.

Zur Förderung der ökonomischen Beziehungen reiste der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nur wenige Tage nach der Unterzeichnung des Atomdeals als erster westlicher Spitzenpolitiker in den Iran. Mit schnellen Effekten: Mitte März 2017 verkündete die Deutsch-Iranische Handelskammer einen Anstieg der deutschen Exporte in den Iran im ersten Quartal des Jahres um 41,3 Prozent. Nach wie vor gebe es, argumentiert Becker, keinen Beleg, dass ein über wirtschaftliche Beziehungen vermittelter Dialog, wie er von deutschen PolitikerInnen propagiert wird, zur Mäßigung des Regimes führt – weder in Fragen der Menschenrechte, der Unterstützung von Terrorgruppen im Ausland noch der Vernichtungsdrohungen gegen Israel.

Auf die Destabilisierung der Region durch das iranische Regime geht Thomas von der Osten-Sacken ein. Die westliche Syrienpolitik habe den Ausbau von Irans Position als Regionalmacht mit ermöglicht und letztlich auch zu dazu beigetragen, dass so viele SyrerInnen vor der Waffengewalt des Assad-Regimes und seiner Verbündeten in Moskau und Teheran fliehen mussten. Sama Maanis Essay beschäftigt sich kritisch mit dem Begriff „Islamophobie“ und dem Problem der „vollen Identifizierung“ von Individuen aus bestimmten Ländern oder Regionen mit dem Islam. Jörn Schulz diskutiert, inwieweit das iranische Regime und der sunnitische Islamismus als „islamfaschistisch“ charakterisiert werden können.

In ihrem autobiographischen Essay gibt Roya Hakakian pointierte Einblicke in Geschichte und Gegenwart der Jüdinnen und Juden im Iran. „Die Juden, die während ihres Lebens im Iran nach Anonymität trachteten, sterben nun in Anonymität aus. Khomeini, Ahmadinejad, Rafsandjani, Rohani, Ali Khamenei und all die anderen mögen es nicht geschafft haben, Israel von der Landkarte zu tilgen, ihre Revolution hat aber sicherlich die jüdische Gemeinde nahezu von der Karte des Iran gelöscht“, schreibt Hakakian. „Nach westlichen Maßstäben sind die iranischen Juden eine bedrohte Spezies. Mit dem Unterschied zu anderen ‚bedrohten Völkern‘, dass Autoaufkleber oder Anstecker am Revers zur Erinnerung an ihr Schicksal nirgends zu sehen sind.“ So ende eine fast 3.000-jährige Geschichte in aller Stille. Von den etwa 90.000 Juden, die seit 1979 emigrierten, wanderte wahrscheinlich die Hälfte nach Israel aus, andere, so wie Hakakian, in die USA.

Einen Kritikpunkt gibt es an dem Sammelband: Für die Sicherheitslage Israels macht es zwar keinen Unterschied, ob der Verharmlosung des iranischen Regimes antisemitische Motive oder schlicht Opportunismus zugrunde liegen. Doch hätte die in der Einleitung gestellte Frage, inwiefern die deutsche Iran-Politik durch Antisemitismus und Nationalsozialismus beeinflusst ist, pointierter und systematischer diskutiert werden können. Einer Empfehlung, Grigats Sammelband zu lesen, tut diese Kritik jedoch keinen Abbruch.

Stephan Grigat (Hg.): Iran, Israel, Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm. Hentrich & Hentrich. Berlin 2017. 252 Seiten.

(veröffentlicht in: iz3w 367, 2018)