Category Archives: Reviews

Vereinte Nationen gegen Israel

leadImage_large.jpgWie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert.

Vom ewigen Frieden ist die Welt weit entfernt. Daran haben die Vereinten Nationen nichts geändert. Die Welt ist heute so gewalttätig wie lange nicht mehr, und bei der globalen Durchsetzung von Menschenrechten fällt die Bilanz der UN bescheiden aus. Das liegt unter anderem auch an Institutionen wie dem Menschenrechtsrat, einem Unterorgan der Generalversammlung, das als Hauptforum der UN für den Dialog und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Menschenrechte dienen soll. Letztlich bildet der Menschenrechtsrat schlicht die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Vereinten Nationen ab. Bekanntlich sind die meisten UN-Mitgliedsstaaten nicht vom Versuch angetrieben, Kants Utopie »Zum ewigen Frieden« zu verwirklichen, sondern verfolgen rücksichtslos eigene politische, wirtschaftliche und ideologische Interessen.

Gegen die Gründung des Menschenrechtsrates, der 2006 die Menschenrechtskommission ablöste, stimmten unter anderen die USA und Israel. Zwar waren die UN eine Art Geburtshelfer Israels, indem sie 1947 den von den arabischen Staaten mit Waffengewalt abgelehnten Teilungsplan für das vormals britische Mandatsgebiet verabschiedet hatten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich jedoch die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der UN gewandelt, hin zu dezidiertem Antizionismus oder zumindest starker Indifferenz gegenüber dieser postmodernen Variante des Antisemitismus.

Israel ist in den UN längst der »Jude unter den Staaten«, wie es der französische Historiker Léon Poliakov einst formulierte. Wie es dazu kam, kann detailliert in Alex Feuerherdts und Florian Markls Buch Vereinte Nationen gegen Israel nachgelesen werden. Darin wird nicht nur der Menschenrechtsrat in den Blick genommen. Weitere Themen sind die »Zionismus ist Rassismus«-Resolution von 1975, das palästinensische Flüchtlingshilfswerk UNRWA, die UNESCO sowie die zahlreichen, auch von der UN geförderten NGOs in der Region.

Aktuell gehören dem Menschenrechtsrat 53 Staaten an, von der Generalversammlung gewählt für jeweils drei Jahre. Die Zusammensetzung des Rates soll die Mitgliederstruktur der UN geographisch ausgewogen abbilden, weshalb 13 Sitze an afrikanische Staaten, 13 an asiatische, sechs Sitze an osteuropäische, acht an lateinamerikanische und karibische sowie sieben Sitze an westeuropäische und andere Staaten fallen. Doch wie soll es möglich sein, universale Menschenrechte – etwa für religiöse und ethnische Minderheiten, Frauen und LGBTI – durchzusetzen, wenn aktuell Staaten wie Ägypten, die Philippinen, Saudi-Arabien, Ungarn oder Venezuela dabei sind?

Besonders kritikwürdig ist der obsessive Fokus des Menschenrechtsrates auf Israel. Dem jüdischen Staat, und nur ihm, ist in jeder Versammlung ein fester Tagesordnungspunkt gewidmet. Von einer ausgewogenen Beschäftigung mit der »menschenrechtlichen Situation in Palästina und anderen besetzten arabischen Territorien«, wie es in den Statuten heißt, ist der Rat meilenweit entfernt. Denn es geht nie um Menschenrechtsverstöße durch die Hamas in Gaza oder die Fatah im Westjordanland, sondern ausschließlich Israel gerät für reale oder imaginierte Menschenrechtsverletzungen ins Kreuzfeuer. Nicht selten scheut man sich im Rat sogar, den Namen des seit 70 Jahren existierenden Staates in den Mund zu nehmen.

2015 veröffentlichte die Genfer NGO UN Watch eine Statistik, die zeigt, welche Staaten der Menschenrechtsrat seit 2006 wegen realer oder vermeintlicher Verstöße gegen seine Grundsätze verurteilt hat: 62 Resolutionen richteten sich gegen Israel, 55 Verurteilungen kamen auf alle anderen Staaten der Welt, darunter sämtliche Autokratien, Despotien und Diktaturen. Eine bizarre Verteilung. Inhaltlich wird dabei immer wieder das altbekannte ideologische Repertoire des Antizionismus bemüht. Besonders absurd ist es, wenn Staaten, in denen Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, bei der Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates wetteifern. So warf ausgerechnet der Iran in der Versammlung vom 25. September 2017 Israel »Kriegsverbrechen«, »ethnische Säuberungen« und »Staatsterrorismus« vor.

Noch grotesker wird es, wenn etwa die UN-Frauenrechtskommission Israel als weltweit größten Frauenrechteverletzer an den Pranger stellt, so wie auf ihrer Jahressitzung im März 2015 geschehen. »Die israelische Besatzung bleibt das Haupthindernis für palästinensische Frauen, was ihre Fortschritte, ihre Eigenständigkeit und ihre Integration in die Entwicklung ihrer Gesellschaft betrifft«, hieß es dort unter Ausblendung jeglichen Einflusses palästinensischer Männer, religiöser Erlasse oder patriarchaler Gewalt. Für die Resolution stimmten 27 Staaten, darunter Iran und Sudan. 13 Staaten, darunter die Mitglieder der EU, enthielten sich. Nur die USA und Israel stimmten dagegen.

Von Feuerherdt und Markl wird all dies meist unaufgeregt und quellengestützt diskutiert. Lesenswert sind zudem die historischen Teile des Buches, etwa zur frühen Haltung der Sowjetunion zu Israel. Gelegentlich schießen die Autoren jedoch über ihr Ziel hinaus: So etwa bei ihrer Einschätzung der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland und in Ostjerusalem. Hier hätte dem Buch eine differenziertere Argumentation gut getan. Zwar wird auch in Deutschland die israelische Siedlungspolitik oft monokausal als alleiniges Friedenshindernis imaginiert. Doch es ist falsch, die Siedlungen umgekehrt als bloßen Ausdruck israelischer Sicherheitsbedürfnisse darzustellen. Schade, denn das dürfte Wasser auf den Mühlen derjenigen sein, die bei jeder Kritik der UN-Positionen zu Israel sofort »rechte Netanjahu-Anhänger« am Werk sehen – in vollkommener Unkenntnis innerisraelischer Debatten von 1967 bis heute.

Alex Feuerherdt/ Florian Markl: Vereinte Nationen gegen Israel. Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2018. 336 Seiten, 24,90 Euro.

(veröffentlicht in: iz3w 369)

Advertisements

Rezension Hailu Mergia

42572722_10156614355808905_5794864738705866752_n
In der Oktober-Ausgabe der konkret habe eine Rezension zu Hailu Mergias neuem Album »Lala Belu« (Awesome Tapes from Africa / Indigo) veröffentlicht.

Interview David Hirsh // Rezension Michaela Melián

titel0918-53a68c35In der September-Ausgabe der konkret habe ich zwei Texte veröffentlicht: ein Interview mit David Hirsh über Antisemitismus in der britischen Linken. Hirsh ist Lehrbeauftragter am Goldsmiths College der University of London, Mitglied der Labor-Partei und Gründer von Engage, einem Netzwerk gegen akademische Boykotte Israels.  Und ebenfalls in der Ausgabe: eine Rezension zu Michaela Meliáns Audioarbeiten »Music from a Frontier Town« (Hörspiel, Musik-EP, Installation), einer eigenwilligen Soundcollage aus zufällig gefundenen Schallplatten der Reeducation-Ära.

Ohne Ausrufezeichen

Zwei Bücher nähern sich Israel auf nachdenkliche Weise

cover.doAls teilnehmenden Beobachter, der ständig hin und her springt in seinem Blick auf das Land, das ihn seit seiner Kindheit mit am meisten beschäftigt, sieht sich Richard C. Schneider. Mit Alltag im Ausnahmezustand hat der 1957 geborene Journalist und ehemalige Leiter des ARD-Studios Tel Aviv nun ein Buch veröffentlicht, in dem er auf die Entwicklungen im jüdischen Staat wie bei ihm üblich sehr differenziert blickt. Argumentative Abwägung trifft auf eine politisch liberale, zionistische Haltung.

So gelingt es Schneider, den Terrorismus von Iran, Hamas und Hezbollah ernst zu nehmen, ohne den kritischen Blick auf politische Prozesse in Israel sowie Handlungsspielräume und Fehlentscheidungen von israelischen PolitikerInnen zu verlieren. Die schematische Vorstellung des „Alle sind gegen uns“ kritisiert Schneider als „Prinzip Bibi“ (in Anspielung auf den Spitznamen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu). Sich kompromisslos und pauschal für oder gegen „eine Seite“ entscheiden zu müssen – die es so monolithisch und identitär in den meisten Fällen ja gar nicht gibt –, das ist Schneider zu unterkomplex.

Die für Israel existenzbedrohende terroristische Gefahr reflektiert Schneider in seiner Diskussion eines möglichen Abzugs aus der Westbank. Bei aller Kritik an nationalreligiösen Vorstellungen von Groß-Israel und der Siedlungspolitik der Regierung Netanjahu sind für Schneider auch sicherheitspolitische Argumente von Gewicht. Man müsse sich nur vorstellen, die nach 1967 annektierten Golanhöhen gehörten heute wieder zu Syrien: „Dann säßen heute die Hezbollah oder der IS oder al-Quaida ganz oben auf der Bergkette und würden Israel massiv bedrohen. Selbst die israelische Linke ist heilfroh, dass die Verhandlungen [über die Rückgabe an Syrien] damals scheiterten“, so Schneider.

Deutlich kritisiert Schneider die im Kern antizionistischen Erwartungen vieler Deutschenr und EuropäerInnen an die Israel-Berichterstattung. DanebenZudem werde das Land in der Regel auf den Konflikt mit den PalästinenserInnen verengt und dieser als einer der ältesten und brennendsten Konflikte der Welt, ja sogar als Wurzel aller Übel im gesamten Nahen Osten imaginiert.

Gegen die Platitüden anschreiben

Im Schlusskapitel reflektiert Schneider über den Vorwurf, als Jude könne er nicht „objektiv“ über Israel und den Nahen Osten berichten. Vielfach sei er zuallererst als jüdischer Journalist wahrgenommen worden – und nicht als deutscher Journalist, der zufällig auch Jude ist. „Haben sich die Zweifler an der ‚jüdischen Objektivität‘ eigentlich je gefragt, wieso ein nichtjüdischer Deutscher besser geeignet sein soll, über den jüdischen Staat zu berichten?“ kommentiert dies Schneider. „Hat man vorher genau gecheckt, ob es in seiner Familie keine Nazis, sondern nur Widerständler gab? Und selbst wenn – macht ihn das zum objektiveren, besseren Journalisten, der jüdischen Israelis ganz offen und unbefangen gegenübertreten kann?“

Für das hiesige Publikum aus Israel zu berichten bedeutet für den in München geborenen Journalisten stets, die deutsche Geschichte mitzudenken. Zu häufig sei ihm eine als Besserwisserei getarnte Befangenheit deutscher „Experten“ entgegengeschlagen – ebenso wie die Selbstgefälligkeit und Arroganz der vielen Philo- und Antisemiten sowie die Naivität derjenigen, die nur Platitüden äußern wie „Gewalt produziert nur weitere Gewalt“.

Weitere Themen in Schneiders vielseitigem Buch sind die antisemitische Boykottbewegung BDS und der Exodus der französischen Juden. Zudem skizziert Schneider einige zentrale Trennungslinien der israelischen Gesellschaft, etwa entlang der Kategorien säkular-orthodox, aschkenasisch-sephardisch oder technologisch innovativ-rückwärtsgewandt.

Außerdem berichtet Schneider über die Unsichtbarkeit der PalästinenserInnen im israelischen Alltag, aber auch über Beispiele bemerkenswerter Eigeninitiative, die sich dem wirkmächtigen palästinensischen Opfer-Narrativ entgegensetzen. Etwa in der Stadt Rawabi im Westjordanland, wo Bashar al-Masri mit seinem Team die erste moderne palästinensische Stadt gebaut hat. Sie entspreichet den Bedürfnissen vieler junger PalästinenserInnen, mit Wohneinheiten nicht für Groß-, sondern für Kleinfamilien, mit Einkaufszentren, Theatern, Restaurants und Moscheen. Schneider erzählt die Geschichte des Baus von Rawabi anhand der jungen Beduinin Shaadia. Als Chefingenieurin des Projekts, unverschleierte Säkulare und Befürworterin einer Zusammenarbeit mit Israelis muss sie sich gleich in mehreren Kämpfen durchsetzen: Gegen die alten Männer der Autonomiebehörde, gegen die IslamistInnen, aber auch gegen Widrigkeiten der israelischen Besatzung.

Der Umgang mit Terror, seine Bekämpfung ohne allzu große Einschränkung von Persönlichkeitsrechten, die Frage nach dem Verhältnis zum Fundamentalismus von außen wie von innen, der Zusammenhalt einer multiethnischen Gesellschaft, der Umgang mit Rassismus oder die Möglichkeiten wirtschaftlichen Aufschwungs unter schwierigsten Bedingungen – all dies sind Schneider zufolge Herausforderungen, denen sich Israel schon seit Jahrzehnten stellen muss, die aber auch in Europa an Bedeutung gewonnen haben. Mit dieser Einschätzung liegt Schneider richtig. Und warum nicht Inspiration in Israel finden? Für die Aneignung des dafür erforderlichen Wissens über die einzige Demokratie im Nahen Osten ist Schneiders Buch eine gute Hilfe.

Chance auf Empathie

42802Unter dem Titel Liebe Fanatiker sind drei Essays von Amos Oz erschienen, die auf älteren Texten und Vorträgen basieren. Sie sind Ausdruck von Oz‘ Selbstverständnis als politisch engagierter Intellektueller, und eine Einladung, ja fast schon Aufforderung zur Debatte über Israel: Sie wollen „um die Aufmerksamkeit jener bitten, die anderer Meinung sind als ich“, so der 79-Jährige im Vorwort.

„Liebe Fanatiker“ ist keine Detailstudie einzelner Personen oder Milieus, sondern kreist um zentrale, Oz zufolge dem Fanatismus per se eigene Momente: das Denken in Schwarz-weiß-Schemata, die wachsende Sehnsucht nach „einfachen Lösungen“ in Verbindung mit dem weltweiten Aufweichen der Grenzen zwischen Politik und Unterhaltungsindustrie, kompromisslosenr Dogmatismus und mangelnder Toleranz gegenüber Andersdenkenden, blinder Gefolgschaft, das infantile Bedürfnis, sich einem Kollektiv unterzuordnen, die Aufgabe von Privatheit und des politischen Denkens zugunsten der Emotion und des Ressentiments, sowie das „Schwelgen in bittersüßer Sentimentalität, die aus einer Mischung von kochender Wut und klebrigem Selbstmitleid besteht.“

Wie dem Fanatismus und den Fanatikern entgegenwirken? Oz betont die heilenden Kräfte einer Vorstellungskraft, die die abstrakte Gewalt von Parolen wie „Tod den Arabern“ oder „Tod den Juden“ konkret werden lässt – und somit die Chance auf Empathie und die Verschiebung des Blickwinkels von identitären Kollektiven hin zu situierten Individuen mit sich bringt. Daneben betont Oz die Bedeutung von Neugier, Phantasie und Humor, der einhergehe mit Relativismus und Mäßigung.

Teil des Umgangs mit Fanatismus sei auch ein Blick auf sich selbst: „Der Fanatiker ist ein wandelndes Ausrufezeichen“, schreibt Oz. Er ist kein naiver Pazifist, der militärische Interventionen pauschal ablehnt, gibt aber zu bedenken: „Der Kampf gegen Fanatismus sollte nicht darin bestehen, mit einem Gegen-Ausrufezeichen zu kontern. Der Kampf gegen den Fanatismus bedeutet nicht, alle Fanatiker zu vernichten, sondern, vielleicht, eine behutsame Therapie für den kleinen Fanatiker, der sich mehr oder weniger in vielen von uns versteckt, zu finden, unsere eigenen Ausrufezeichen ein bisschen zu belächeln und neugierig zu werden und nicht nur manchmal in das Fenster des Nachbarn zu schielen, sondern auch zu sehen, wie sich dessen Realität darstellt, eine Realität, die notwendigerweise anders ist als die Realität, die wir von unserem eigenen Fenster wahrnehmen.“ Eine weitere Einsicht von Oz lautet: „Die Immunisierung gegen Fanatismus hängt auch von der Bereitschaft ab, in offenen, ungewissen Situationen zu leben.“

Für die mit jüdischen Texten aus den letzten Jahrtausenden nicht so Vertrauten könnte Oz‘ Essay „Viele Lichter, nicht nur eins“ auf den ersten Blick verwirrend sein. Die Lektüre lohnt sich dennoch: Es geht um die Pluralität jüdischer Identitäten, ihre intellektuellen Referenzen und Quellen – und nicht zuletzt um eine humanistische jüdische Ethik. Deren zentrale Pfeiler sind Oz zufolge Demokratie, Pluralismus und die Fähigkeit, kreativ mit überlieferten Texten und Traditionen umzugehen. Dadurch stelle sie sich Milieus auch innerhalb Israels entgegen, die für sich einen jüdischen Alleinvertretungsanspruch reklamieren.

Abschließend reflektiert Oz die Chancen einer Zwei-Staaten-Lösung und die Zumutungen durch extremistische Rechte in Israel sowie durch Anti- und Postzionisten. Diese hätten eine „Zange“ angelegt, um den „Geist der zionistischen Linken zu brechen“ und „uns zu zwingen, zwischen dem Verzicht auf Zionismus und dem Verzicht auf Demokratie zu wählen“. Beide Lager hofften, „dass diese Wahl für uns so schrecklich sei, dass uns nichts anderes übrigbleibe, als einfach abzuhauen“. Möge ihnen das auch weder bei Amos Oz noch anderen Israelis nicht gelingen.

Richard C. Schneider: Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel. Verlag DVA Sachbuch, München 2018. 293 Seiten, 22 Euro.

Amos Oz: Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Suhrkamp, Berlin 2018. 140 Seiten, 18 Euro.

(veröffentlicht in: iz3w 368, September/Oktober 2018)

Zwischen Opportunismus und Antisemitismus

leadImage_large.jpgIn Deutschland ist die Wahrnehmung des iranischen Regimes trotz punktueller Kritik an Menschenrechtsverletzungen von einer Verharmlosung und einer Personalisierung geprägt. Selten gerät das Regime umfassend in den Blick. Die Holocaustleugnung etwa wird häufig lediglich sogenannten „Hardlinern“ wie dem ehemaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zugeschrieben, der dem Regime immanente eliminatorische Antizionismus aber ausgeblendet. So lautet einer von Stephan Grigats Kritikpunkten an dem in Deutschland vorherrschendem Diskurs über den Iran. Als Gegengewicht hierzu versteht er die 13 Beiträge des von ihm herausgegebenen Sammelbandes Iran, Israel, Deutschland.

Ein Teil der Beiträge setzt sich kritisch mit dem 2015 geschlossenen Atomdeal und seiner Rezeption in Deutschland auseinander. Emily B. Landau, eine Sicherheitsexpertin der Tel Aviv University, analysiert die israelischen Reaktionen auf den Atomdeal und das iranische Nuklearprogramm seit 1990. Damals kam Israel aufgrund von Geheimdienstinformationen zu dem Schluss, dass die Islamische Republik an einem militärischen Atomprogramm arbeitet. Hervorzuheben ist Landaus Analyse der Positionen der israelischen Premierminister Ariel Sharon, Ehud Olmert und Benjamin Netanjahu zur nuklearen Bedrohung durch den Iran. In deutschen Medien, wo die Dämonisierung Israels, haltlose Bellizismus-Vorwürfe und ein mangelndes Interesse an inner-israelischen Debatten stark verbreitet sind, liest man eine solche Analyse selten.

Matthias Küntzel wirft einen Blick auf die deutsche Rolle bei den Atomverhandlungen. Berlin verfolgt ihm zufolge seit Jahren einen janusköpfigen Kurs: Einerseits will Deutschland mit dem Iran besondere Beziehungen unterhalten, für das es sogar das Risiko der iranischen Bombe in Kauf nimmt;  andererseits aber auch besondere Beziehungen mit Israel, wie sie etwa Angela Merkel in ihrer berühmten Knesset-Rede hervorgehoben hatte, in der sie Israels Sicherheit als Teil der deutschen Staatsräson bezeichnete. „Früher oder später wird sich Deutschland […] entscheiden müssen“, schreibt Küntzel. „Entweder es verbündet sich mit Israel und den anderen Nationen des Westens, um die totalitäre Bewegung des Islamismus, einschließlich Teheran, in seine Schranken zu weisen. Oder es bleibt bei seiner ‚historisch gewachsenen strategischen Präferenz‘ und befördert den Aufstieg Irans zur Regional- und Atommacht, um davon zu profitieren.“

Den iranischen Einfluss in Deutschland thematisiert Ulrike Becker. So ist das Regime etwa in Form des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) nicht nur in die Organisation der antisemitischen Al-Quds-Märsche in Berlin involviert, sondern kann durch einen Staatsvertrag mit der Stadt Hamburg sogar Einfluss auf islamischen Religionsunterricht nehmen. Deutschland ist seit langem einer der wichtigsten Handelspartner des Iran – und soll es in Zukunft wohl auch bleiben.

Zur Förderung der ökonomischen Beziehungen reiste der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nur wenige Tage nach der Unterzeichnung des Atomdeals als erster westlicher Spitzenpolitiker in den Iran. Mit schnellen Effekten: Mitte März 2017 verkündete die Deutsch-Iranische Handelskammer einen Anstieg der deutschen Exporte in den Iran im ersten Quartal des Jahres um 41,3 Prozent. Nach wie vor gebe es, argumentiert Becker, keinen Beleg, dass ein über wirtschaftliche Beziehungen vermittelter Dialog, wie er von deutschen PolitikerInnen propagiert wird, zur Mäßigung des Regimes führt – weder in Fragen der Menschenrechte, der Unterstützung von Terrorgruppen im Ausland noch der Vernichtungsdrohungen gegen Israel.

Auf die Destabilisierung der Region durch das iranische Regime geht Thomas von der Osten-Sacken ein. Die westliche Syrienpolitik habe den Ausbau von Irans Position als Regionalmacht mit ermöglicht und letztlich auch zu dazu beigetragen, dass so viele SyrerInnen vor der Waffengewalt des Assad-Regimes und seiner Verbündeten in Moskau und Teheran fliehen mussten. Sama Maanis Essay beschäftigt sich kritisch mit dem Begriff „Islamophobie“ und dem Problem der „vollen Identifizierung“ von Individuen aus bestimmten Ländern oder Regionen mit dem Islam. Jörn Schulz diskutiert, inwieweit das iranische Regime und der sunnitische Islamismus als „islamfaschistisch“ charakterisiert werden können.

In ihrem autobiographischen Essay gibt Roya Hakakian pointierte Einblicke in Geschichte und Gegenwart der Jüdinnen und Juden im Iran. „Die Juden, die während ihres Lebens im Iran nach Anonymität trachteten, sterben nun in Anonymität aus. Khomeini, Ahmadinejad, Rafsandjani, Rohani, Ali Khamenei und all die anderen mögen es nicht geschafft haben, Israel von der Landkarte zu tilgen, ihre Revolution hat aber sicherlich die jüdische Gemeinde nahezu von der Karte des Iran gelöscht“, schreibt Hakakian. „Nach westlichen Maßstäben sind die iranischen Juden eine bedrohte Spezies. Mit dem Unterschied zu anderen ‚bedrohten Völkern‘, dass Autoaufkleber oder Anstecker am Revers zur Erinnerung an ihr Schicksal nirgends zu sehen sind.“ So ende eine fast 3.000-jährige Geschichte in aller Stille. Von den etwa 90.000 Juden, die seit 1979 emigrierten, wanderte wahrscheinlich die Hälfte nach Israel aus, andere, so wie Hakakian, in die USA.

Einen Kritikpunkt gibt es an dem Sammelband: Für die Sicherheitslage Israels macht es zwar keinen Unterschied, ob der Verharmlosung des iranischen Regimes antisemitische Motive oder schlicht Opportunismus zugrunde liegen. Doch hätte die in der Einleitung gestellte Frage, inwiefern die deutsche Iran-Politik durch Antisemitismus und Nationalsozialismus beeinflusst ist, pointierter und systematischer diskutiert werden können. Einer Empfehlung, Grigats Sammelband zu lesen, tut diese Kritik jedoch keinen Abbruch.

Stephan Grigat (Hg.): Iran, Israel, Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm. Hentrich & Hentrich. Berlin 2017. 252 Seiten.

(veröffentlicht in: iz3w 367, 2018)

 

Fakten, Fakten, Fakten

7rxoG1a0_400x400Junge Erwachsene diskutieren über Israel

Es ist toll, dass sich so viele Interessierte über Israel austauschen wollen«, sagt Tom Wyrobnik auf dem Weg in den »Kleinen Rittersaal«. Leicht nach Luft schnappend – nicht wegen der vielen Treppen, die zum Tagungssaal der Burg Schwaneck führen, sondern wegen eines Federball-Matches, das der 25-Jährige gerade hinter sich hat.

Rund 30 junge Erwachsene nahmen am Jahresseminar des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft teil. Abseits des Großstadttrubels und in malerischer Atmosphäre fand »Israelpedia« zum ersten Mal in München statt. Dort hat Wyrobnik, der zuvor einige Jahre im Vorstand des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern engagiert war, vor Kurzem ein Junges Forum (JuFo) ins Leben gerufen.

DEBATTEN Beim Seminar wolle man sich vor allem intensiv fachlich auseinandersetzen – »Werkzeuge für die alltägliche politische Arbeit« erhalten, sagt Wyrobnik. Daneben freut sich der Ingenieur über die Möglichkeit, andere Engagierte aus ganz Deutschland kennenzulernen – »natürlich nicht nur beim Federball, sondern vor allem über inhaltliche Debatten«, sagt er und lacht.

Eine dieser Diskussionen beschäftigt sich mit dem Frauenbild im jungen Staat Israel. Es ist das Thema von Julie Grimmeisens 2015 abgeschlossener Promotion, in der sie die Darstellung von Schönheitsköniginnen und Pionierinnen in israelischen Frauenzeitschriften analysiert. In dem Gespräch wurde der Bogen auch zu aktuellen Frauenvorbildern gespannt – von Netta und Wonder Woman bis hin zu eigenen Beobachtungen und Erfahrungen bei Israel-Aufenthalten.

IRAN Jörg Rensmanns Vortrag zur Sicherheitslage Israels fokussierte sich auf das iranische Regime – die aktuell größte sicherheitspolitische Herausforderung, so der Mitarbeiter des Mideast Freedom Forum Berlin. Besonders gefährlich für Israel sei nicht nur das immense Raketenarsenal der vom Iran aufgerüsteten Hisbollah, sondern auch das vom Regime angestrebte Ziel eines über den Irak, Syrien und den Libanon führenden Landkorridors bis zum Mittelmeer. Noch immer sei die Terrororganisation Hisbollah, die mit etwa 900 Kadern auch in Deutschland aktiv sei, nicht verboten. Im Gegenteil, sie werde von Iran-gesteuerten Institutionen wie dem Islamischen Zentrum Hamburg (IZH) weiterhin unterstützt.

»Ich finde es enorm wichtig, dass wir ausführlich über den Iran sprechen«, sagt Tom Wyrobnik. »Denn die von dem Regime ausgehenden Gefahren werden in den deutschen Medien nicht hinreichend berücksichtigt.« Weil das IZH den antisemitischen Al-Quds-Marsch maßgeblich mitorganisiert, veranstaltete man in diesem Jahr eine Gegendemonstration, so Thomas Mayer aus Hamburg.

Rensmann forderte darüber hinaus von der Bundesregierung, die Finanzierung aktueller palästinensischer Schulbücher zu überdenken, da in ihnen die historische jüdische Präsenz und damit das Existenzrecht Israels systematisch geleugnet und das gewaltvolle Märtyrertum glorifiziert werde.

PERSPEKTIVEN Mit arabischen Perspektiven auf Israel beschäftigte sich Johannes Becke, Juniorprofessor an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Anhand von prägnanten Beispielen auch aus der Alltagskultur zeigte er, wie weit verbreitet israelfeindliche Haltungen in den arabischen Ländern sind. In der Regel sind sie an Verschwörungstheorien gekoppelt, die Israel oder auch »die Juden« als skrupellose Zersetzer darstellen.

Gleichzeitig machte Becke deutlich, dass etwa durch die saudisch-israelische Annährung Einzelpersonen durchaus zum Umdenken angeregt werden können: so wie etwa ein saudischer YouTube-Blogger, der in autodidaktisch gelerntem Hebräisch Online-Grußworte an die Israelis sandte.

Passend zum 70-jährigen Jubiläum Israels griff Jörg Rensmann auch die Ideengeschichte des Zionismus auf. Weitere Schwerpunkte lagen auf der Vorgeschichte der Staatsgründung: Die Themen reichten von den zionistischen Einwanderungsphasen über den Arabischen Aufstand 1936–1939, die Peel-Kommission der Briten während der Mandatszeit und die britische »Weißbuchpolitik« bis hin zum Unabhängigkeitskrieg und seinen Folgen.

WESTJORDANLAND Jonathan Shay von der Jewish Agency gab in seinem Vortrag Einblicke in sicherheitspolitische, vor allem aber nationalreligiöse Perspektiven im Westjordanland. »Judäa und Samaria sind keine besetzten, sondern umstrittene Gebiete«, sagte Shay. Vor dem Sechstagekrieg habe es keinen palästinensischen Souverän, sondern lediglich eine völkerrechtswidrige Besatzung des Landes durch Jordanien gegeben. Siedlungsbau sei eine Mizwa. »Das Land ist Abraham, Isaak, Jakob und ihren Nachfahren vor 4000 Jahren und für immer gegeben worden«, ist Shay überzeugt. Im Westjordanland hätten die Israelis blühende Landschaften geschaffen.

Zur Tagung gehörte auch eine Exkursion in den Olympiapark und zum dort vor Kurzem errichteten Mahnmal für die Opfer des Attentats von 1972. »Besonders erschreckend fand ich, wie beiläufig das Olympia-Attentat damals in den Medien erwähnt und mit welcher Beharrlichkeit die Spiele weitergeführt wurden«, sagt Annika Zecher.

QUELLENARBEIT Ein gutes Seminar, urteilten anschließend die Teilnehmer. »Vor allem durch die intensive Quellenarbeit konnte ich mein Wissen vertiefen und Ins­piration für den Unterricht gewinnen«, urteilte Michael Süß, angehender Gymnasiallehrer für Geschichte und Sozialkunde. Dies sei besonders wichtig vor dem Hintergrund der häufig einseitigen, negativen Darstellung Israels in deutschen Schulbüchern, meinte der 29-Jährige. Thomas Mayer aus Hamburg hat der Workshop dazu angeregt, in Zukunft auch kritische Veranstaltungen zur UN sowie zur palästinensischen Flüchtlingsagentur UNRWA zu organisieren.

Kritische Nachfragen seien unaufgeregt und konstruktiv beantwortet worden, lobt Michael Süß die Tagung. »Faktenwissen und das Kennenlernen auch von unbekannten Perspektiven sind die Grundlage für den politischen Austausch«, sagt der Referendar aus München.

»Mit unseren Jahresseminaren möchten wir Grundlagenwissen zur Geschichte und Gegenwart Israels vermitteln – und dabei auch Perspektiven präsentieren, die in Deutschland kaum zu Wort kommen«, sagt Tibor Luckenbach, Bundesvorsitzender des Jungen Forums. »Die Bewertung überlassen wir dann den Teilnehmern selbst«, sagt der 31-Jährige.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 14.06.2018)

Judenhass aus Binnensicht

7rxoG1a0_400x400Tagesseminar beleuchtete das Problem aus jüdischer Perspektive

Den Antisemitismus nimmt die Mehrheitsgesellschaft nach wie vor nicht ernst«, sagt Irina Drabkina. Trotz der aktuell erhöhten medialen Aufmerksamkeit werde die Debatte weitgehend ohne die Betroffenen geführt. Bei dem von Drabkina federführend organisierten Fachtag der Antidiskriminierungsstelle ADA Anfang Mai in Bremen ging es genau darum: jüdischen Perspektiven ausreichend Raum zu verschaffen. »Schon die Vorbereitung des Fachtages hat mich empowert«, sagt die 33-Jährige. »Dass nicht wieder nur ›über Juden‹ gesprochen wird, war sehr motivierend.«

Im Auftaktvortrag berichtete Benjamin Steinitz über die Herausforderungen bei der Erfassung und Dokumentation von Antisemitismus durch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). Daneben stellte er eine Typologisierung verschiedener Formen von Antisemitismus vor.

Anhand von prägnanten Beispielen legte er dar, inwiefern Post-Schoa-Antisemitismus, israelbezogene Formen oder antisemitisches Othering quer durch die weltanschaulichen Milieus bei Islamisten, Rechtspopulisten oder Linksliberalen zu finden sind. Als »antisemitisches Othering« bezeichnete Steinitz stereotypisierende Handlungen, Äußerungen und Gedanken, durch die Juden als grundsätzlich und unveränderbar anders als andere gesellschaftliche Gruppen imaginiert werden – so zum Beispiel ein Kommentar wie: »Du hast ja gar keine jüdische Nase.«

Steinitz’ Vortrag schuf eine gemeinsame Diskussionsgrundlage für die mehr als 120 Teilnehmer. »Leider haben viele Menschen gar keinen Begriff von Antisemitismus«, beklagt Lehramtsstudent Simon Dietz. Für viele Kommilitonen sei Antisemitismus schlicht eine Art von Rassismus. Der 26-Jährige hält es deshalb für wichtig, nicht nur die Argumentationsmuster von Antisemiten in den Blick zu nehmen, sondern auch die dahinter stehenden Projektionsmechanismen.

MIKROAGGRESSION Zentrales Konzept in Debora Antmanns Vortrag zum Umgang mit dem Jüdischsein im Alltag war »Mikroaggression«. Für den individuellen Umgang mit diesen alltäglichen Diskriminierungsformen empfahl Antmann die systematische Aufbereitung der Vorfälle auf Basis von Gedächtnisprotokollen. Allerdings fasste die Aktivistin unter »Mikroaggressionen« derart unterschiedliche Phänomene zusammen, dass dem Konzept die analytische Präzision verloren ging. Antmann zufolge reichen diese Abwertungen von mit Othering verbundenen sexuellen Übergriffen bis hin zu störenden Gesprächen im Publikum während ihres Vortrags.

Daneben versuchte Antmann, mit dem ironisch-identitätspolitischen Begriff des »WC-Deutschen« die deutsche Mehrheitsgesellschaft zur Selbstreflexion anzuregen. Dass sowohl die nichtjüdischen Deutschen als auch die hier lebenden Antisemiten keineswegs nur aus weißen Christen bestehen, gerät mit diesem Label aber aus dem Blick. Zudem besteht die Gefahr, Menschen mit den von außen zugeschriebenen Eigenschaften voll und ganz zu identifizieren – so, als wären Handeln, Denken und Emotionen schlicht auf weiße Hautfarbe und christliche Religionszugehörigkeit zurückzuführen.

IDENTITÄT Nicht diskutiert wurde, wie es im Rahmen der von Antmann vertretenen Identitätspolitik möglich ist, politische Handlungsfähigkeit in Form von Allianzen und Konfrontation zu erzeugen – und damit über die heute in verschiedenen Zusammenhängen weit verbreitete identitäre Besinnung des Einzelnen auf sich selbst hinauszugehen.

Im Workshop, der sich mit dem Phänomen der Darstellung Israels beschäftigte, ging es um den Austausch über die eigene Wahrnehmung und um Erklärungen, warum viele Menschen derartig scharfe Kritik am jüdischen Staat üben. Als sich ein Teilnehmer als Anhänger der antisemitischen BDS-Kampagne beschrieb, weigerten sich andere, weiterhin mit ihm zu sprechen – der Workshop wurde deshalb in zwei separat diskutierende Gruppen aufgeteilt.

Trotz der auch aus Sicht der übrigen Diskutanten sehr hilfreichen und gut moderierten Debatte zeigten sich hin und wieder die Probleme einer auf dem Konzept der Narrative basierenden Herangehensweise, die den eigenen biografischen Zugang zu einem solchen Thema in den Vordergrund rückt. Denn einerseits gibt es von keinem biografischen Zugang umstößliche Fakten der israelischen Geschichte und Gegenwart, so etwa die Tatsache der jüdischen Präsenz in Palästina schon vor der israelischen Staatsgründung und der ersten zionistischen Einwanderungsphase.

Andererseits laufen auf dem Konzept der Narrative basierende Zugänge Gefahr, die physische Bedrohung von Juden, Israelis und als solchen Wahrgenommenen nicht ausreichend zu reflektieren. Das geschieht dann, wenn diese Zugänge nur auf der sprachlichen Ebene verbleiben und alle »Narrative« kritik- und kommentarlos nebeneinander gestellt werden. Ein krasses Beispiel: Auch Hamas-Funktionäre und Neonazis verfügen über einen individuellen biografischen Zugang zum Thema »Juden« – und sie streben danach, ihn in Form von gewalttätigen Handlungen in die Realität umzusetzen.

SCHULE Marina Chernivsky von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) leitete zwei Sessions. In ihrem Vortrag thematisierte sie eindrucksvoll Antisemitismus im schulischen Kontext. Dieses Thema nahm auch viel Raum in ihrem Empowerment-Workshop für jüdische Teilnehmer ein. Hier wurde vor allem über die Angst vieler Eltern vor antisemitischem Mobbing ihrer Kinder in der Schule und einem unzureichenden Umgang damit durch die Lehrkräfte gesprochen. »Der Workshop hat mir gezeigt, wie wichtig dauerhafte Strukturen für den Austausch über den Umgang mit antisemitischem Mobbing sind«, kommentiert die Teilnehmerin Elianna Renner.

Das Abschlusspodium befasste sich mit der Frage, ob es sinnvoll ist, als Konsequenz aus dem herrschenden Antisemitismus Deutschland und Europa zu verlassen – oder aber, ob ein Bleiben trotz allem möglich ist. Zur Einleitung wurde ein Auszug aus Mirna Funks Buch Winternähe vorgelesen – eine lebensweltliche und humorvolle Schilderung von alltäglichen Antisemitismuserfahrungen zwischen Koks und Fellatio in Berlin-Mitte. Die Diskussion war geprägt von Chuzpe und reflektierter Polemik.

FLEXIBILITÄT Neben Funk sprachen Lionel Reich vom Verband Jüdischer Studierender Nord, die Bloggerin Juna Grossmann und Irina Drabkina. Thematisiert wurden die Möglichkeiten für flexibilisiertes Leben an verschiedenen Orten durch das kurzfristige Anmieten von Ferienwohnungen (Airbnb), die Instrumentalisierung von muslimischem Antisemitismus durch die AfD und die immer wieder herbeifantasierte »christlich-jüdische Symbiose« in Europa.

Gerade vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen mit antisemitischem Othering à la »Du siehst ja gar nicht jüdisch aus« empfahl Lionel Reich mehrfach das Angebot von »Rent a Jew«, der organisierten Begegnung von Nichtjuden mit Juden.

Alle Diskussionsteilnehmer problematisierten die Verengung jüdischer Identität auf Antisemitismuserfahrungen und machten deutlich: Eine einzige jüdische Perspektive gibt es ohnehin nicht – jedoch selbstbewusste Individuen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und Position beziehen. Auch deshalb war der Fachtag wichtig.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 24.5.2018)