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»Was als Natur gilt, ist nicht gestaltbar«

t_IKKAg3_400x400»Wir haben eine Care-Krise, weil Care kaum oder skandalös schlecht bezahlt wird«, sagt Paula-Irene Villa, Sozialwissenschaftlerin und Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München, im Gespräch über den Zusammenhang zwischen Fürsorge und Geschlecht.

Derzeit forschen Sie zum Thema Fürsorge. Dabei fällt auch der Begriff »Care-Krise«. Was verstehen Sie ­darunter?

Unter dem Begriff Care verstehe ich die verbindliche Hinwendung zu den Bedürfnissen des Lebendigen, ob Mensch, Tier oder Umwelt. Konkret etwa leibliche Kinder, der Vater mit Kinderwagen an der kaputten Rolltreppe zur U-Bahn, die Vögel im Winter, der kranke Bruder oder man selbst. Die unter den Begriff Care gefassten Tätigkeiten betreffen also einen selbst ebenso wie andere, und sie sind so trivial wie über­lebenswichtig: versorgen, sich zuwenden, kochen, zuhören, putzen und so weiter. Das ist eine sehr lange Liste, die nie abgearbeitet ist. Care umfasst alle unbezahlten wie bezahlten Tätigkeiten des Kümmerns und ist einerseits Quelle von Lebenssinn, Glück, Lust und An­erkennung. Andererseits ist Care auch langwierige Arbeit. Care ist zudem nötig, um einer Erwerbsarbeit nachgehen zu können, also um Geld zu verdienen. Ohne Care keine Lohnarbeit. Care ist bedingt rationalisierbar, denn die Bedürfnisse des Lebendigen lassen sich nicht ganz takten, planen, beherrschen. Wenn das Kind Trost braucht, dann unmittelbar. Wenn ich nicht genug schlafe, streikt irgendwann der Körper.

Ohne Care geht also nichts?

In der Tat – und darum haben wir eine Care-Krise. Weil Care kaum oder skandalös schlecht bezahlt wird und nicht gesellschaftlich angemessen organisiert ist, weil es keinen vorgesehenen Ort für sie gibt, weil sie bislang Privat­sache war. Die Care-Krise ist unmittelbarer Alltag: die verzweifelte Suche nach einem Krippenplatz in Ballungsgebieten, die Zustände in Pflegeheimen, die chronische Erschöpfung von Alleinerziehenden und deren Armutsrisiko, der Personalmangel im Pflege­bereich. Dies sind alles Symptome des strukturellen Problems, dass die Erwerbstätigkeit parasitär von Care-Arbeit lebt und dass umgekehrt Care derzeit massiv ökonomisiert wird, also Profit abwerfen soll. Zugleich wird diese Krise in Deutschland inzwischen stärker wahrgenommen, hinterfragt und auch politisch thematisiert.

Wo zum Beispiel geschieht das?

Etwa durch die Bundesländer oder durch die Gewerkschaften. »Pflege am Boden« zum Beispiel ist ein unabhängiges Bündnis von Menschen aus Gewerkschaften, Berufsverbänden und der Praxis sowie anderen, die sich seit Jahren für konkrete Verbesserungen und für die politische Adressierung im Bereich der Pflege einsetzen. Da geht es um angemessene Ausbildungen, Entlohnung und mehr, im Sinne menschenwürdiger Pflege. Bei Verdi etwa gibt es inzwischen viele Aktivitäten, um Care stärker zum Thema zu machen. Andere Instrumente wie das Familiengeld in Bayern versuchen, Familien mit Kindern durch monatliche Zahlungen zu entlasten. Manche haben das als Herdprämie verspottet, und da ist ja auch was dran. Aber andererseits zahlt Bayern das monatliche Geld inzwischen auch dann, wenn die Kinder in Einrichtungen betreut werden. Das ist durchaus eine Anerkennung für Hausarbeit und Care, jedoch kein Lohn – wie feministische Positionen schon früh gefordert haben –, sondern ein eher klägliches Taschengeld. Aber immerhin. Letztlich ist das Problem strukturell mit dem Kapitalismus verwoben.

Inwiefern?

Der Care-Arbeit liegt das Modell Frau als Mutter und Hausfrau zugrunde – eine idealtypische elitäre, bürgerliche Sozialfigur aus dem 19. Jahrhundert. Die mit der Hausfrau verbundene Besonderung von Hausarbeit, von Erziehung und Fürsorge als eigene, private Sphäre ist mit der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft überhaupt erst entstanden. Beides hat sich nicht nur gemeinsam entwickelt, sondern auch zugunsten des Kapitalismus gut ineinander gefügt. Die idealtypische Hausfrau bestimmt sich aus der Gebärmutter. Weiblichkeit ist Mütterlichkeit, das ist von Natur a priori gegeben. Die Natur selbst schreibe den Frauen den Beruf als Mutter und Hausfrau vor, sagte Max Planck 1897. Dagegen etwas einzuwenden, ist dann logischerweise widernatürlich. Im Effekt leistet diese Hausfrau-von-Natur-aus-Ideologie eine Immunisierung gegen die spezifisch moderne Idee der selbstgemachten Gesellschaftlichkeit beziehungsweise der selbstgemachten Geschichte, um mit Marx zu sprechen. Was als Natur gilt, ist so nicht gestaltbar, nicht verhandelbar. Das ist empirisch falsch – wirkt aber bis heute nach. In der Realität können sich das heute immer weniger Menschen hierzulande leisten. Das Hausfrauendasein war übrigens auch historisch nicht der weibliche Normalfall, die Erwerbstätigkeit Ende des 19. Jahrhunderts war im Deutschen Reich bei Frauen und Müttern keineswegs niedrig – schließlich haben proletarische Frauen ja in der Produktion oder in der Heimarbeit gearbeitet.

Und wie genau hängt die Sozialfigur der Hausfrau mit der zeitgenössischen Care-Arbeit zusammen?

Mit dieser Naturalisierung ist das Hausfrauen- und Mutterdasein als Schicksal »der Frau« ideologisch fixiert. Die Tätigkeiten, die damit einhergehen, werden in den bürgerlichen Gesellschaften enorm romantisiert, etwa als Tugendhaftigkeit und Opferbereitschaft. Zugleich werden sie im kapitalistischen Kontext ökonomisch maximal ausgebeutet: sie werden privat ausgeübt und deshalb nicht oder kaum entlohnt. Sie wurden und werden exter­nalisiert, etwa an Migrantinnen. Heutzutage sind alle Berufe, die verbunden sind mit Care, sehr nah gebaut an dieser idealtypischen Figur der Hausfrau. Sie sind historisch auch als deren Verlängerung entstanden. So wurden Berufe wie Krankenschwester oder Erzieherin stark romantisiert, geradezu überhöht, aber eben auch ex­trem ausgebeutet. Prekäre Beschäftigung und schlechte Bezahlung sind auch heute weit verbreitet.

Auf welche Zahlen stützen sich diese Befunde?

Der Frauenanteil in Pflegeberufen liegt bei etwa 88 Prozent in der häuslichen und bei 85 Prozent in der stationären Pflege. Im sogenannten Dritten Sektor, dem gemeinnützigen Teil von Beschäftigung inklusive sozialem Bereich, arbeiten nicht nur überdurchschnittlich viele Frauen, sondern dort ist auch der Anteil prekärer Beschäftigung besonders hoch. 65 Prozent der Frauen arbeiten hier atypisch, deutlich mehr als in anderen Branchen und deutlich mehr als Männer in diesem Sektor. Die Weiterbildungs- und Aufstiegsoptionen sind überdies eingeschränkt. Geringqualifizierte Beschäftigte, Hilfskräfte in sozi­alen Dienstleistungsberufen verdienen etwa 65 Prozent weniger als alle anderen abhängig Beschäftigten in Deutschland. Insgesamt prägt auch in diesem Sektor das »Zuverdienstmodell« – die Frau verdient etwas dazu, aber eigentlich erwirtschaftet der Mann das Familieneinkommen – die Arbeit und deren Entlohnung. Im Bereich der bezahlten Care-Arbeit haben wir es auch mit einem ethnisierten Arbeitsmarkt zu tun. In diesem Bereich arbeiten überdurchschnittlich viele Migrantinnen. Die 24-Stunden-Pflegerin aus Osteuropa ist nicht nur ein stereotypes Klischee, sondern Teil der empirischen Realität von Care-Arbeit hierzulande.

Wie stellt sich die Vergeschlechtlichung von Care-Arbeit in der Verteilung der Hausarbeit bei Paaren dar?

Neben dem Gender-Pay-Gap wird auch ein Gender-Care-Gap berechnet, etwa im Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 2017. Dieser gibt, hoch aggregiert, die relative Differenz zwischen Frauen und Männern hinsichtlich der täglich aufgewendeten Zeit für Care an. Diese Lücke ist immens, sie beträgt bei heterosexuellen Paaren mit Kindern über 80 Prozent, insgesamt etwa 52 Prozent. Das heißt, Frauen übernehmen im Schnitt anderthalb Mal so viel unbezahlte Care-Aufgaben wie Männer, wenn Kinder im Haushalt leben deutlich mehr. Das hat meist gar nicht mit Absichten oder ausdrücklichen Einstellungen der Partner zu tun, sondern mit Habitus einerseits und mit ökonomischen Fakten sowie institutionellen Spurungen andererseits. Spätestens dann, wenn es Kinder gibt, setzt eine in der Forschung so genannte Retraditionalisierung ein. So arbeiten, statistisch gesehen, erwerbstätige Väter nach der Geburt des ersten Kindes sogar mehr, während Mütter ihre Erwerbsarbeit zugunsten unbezahlter Care-Tätigkeiten im Privaten deutlich reduzieren – mit den erwartbar negativen Konsequenzen hinsichtlich der Rente oder einer eventuellen Scheidung Jahre später. Akademische Milieus sind bemerkenswerterweise häufig besonders blind für die eigene Praxis – weil man es ja angeblich so viel besser weiß als die anderen.

Wie genau rationalisieren Männer und Frauen diese Ungleichheit?

Formal hochgebildete, gut situierte Paare betreiben einen ziemlichen rhetorischen Aufwand, um zu begründen, dass ihre interne Arbeitsteilung zwar ungleich wirke, es aber eigentlich gar nicht sei. Sie formulieren, zumindest in einschlägigen Studien, ziemlich eloquent das gemeinsame Paar- und Familien-Narrativ, das im Kern sagt: Wir haben das ganz autonom und individuell für uns so entschieden, wir verwirklichen uns in Familie und Beruf selbst. Das hat also alles mit Geschlecht oder der Gesellschaft nichts zu tun, und daher ist es auch nicht ungleich. Bei nichtakademischen Paaren stellt sich das anders da: In anderen Milieus und Schichten sind Frauen eher mehr, wenn auch vielfach prekär, erwerbstätig. Dort wird mit Geschlechterrollen pragmatisch umgegangen, ungleiche Belastungen werden auch durchaus so benannt.

Im ihrem Forschungsverbund »For Gender Care« reicht die Bandbreite der Projekte von historischen Arbeiten zu weiblich konnotierter Sozialarbeit über Paardynamiken bis hin zu philosophischer Forschung zu Care. Vieles davon hat auch eine materialistische Dimension. Wie passt das zusammen mit dem Bild von den Gender Studies als akademischem Ort für Kulturrelativismus und Identitätspolitik?

Nicht so gut. Wie generell ja die Behauptungen bizarr sind, Gender Studies seien Identitätsgedöns, Jammerstudien oder realitätsfernes Metapherngeklimper. Es hat in den Gender Studies immer schon eine Beschäftigung mit allen Sphären des sozialen und natürlichen Seins gegeben, ebenso mit dem kulturellen, medialen, auch identitätsrelevanten Schein. Ungleichheit und Anerkennung, materielle Bedingungen und diskursive Konstitution, alltägliche Praxis und historische Dynamiken, Körper und Politik, Privates und Öffentliches, Sprache und Materialitäten – in der Kombination dieser angeblich getrennten Sphären liegt eine der großen Stärken geschlechterwissenschaft­licher Forschung. Das gelingt nicht immer ideal. Aber das Gender-Studies-Bashing ödet mich an.

(veröffentlicht in: Jungle World 10/2019) 

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»Der Jihadismus ist im Kern faschistisch«

priester_karin-44ee6d13Interview mit der Politikwissenschaftlerin Karin Priester über den Islamismus als rechtsradikale Jugendbewegung.

In Ihrer Studie Warum Europäer in den Heiligen Krieg ziehen (Campus, 2017) haben Sie die Biografien von 550 europäischen Jihadisten untersucht. Was trieb diese jungen Männer und Frauen dazu, sich als Gotteskrieger dem Islamischen Staat oder Al Qaida anzuschließen?

Von den Jihadisten selbst werden vor allem Benachteiligung und rassistische Diskriminierung in den Herkunftsländern – in meiner Studie sind das die Niederlande, Belgien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland – genannt. Hinter der Entscheidung, sich in Syrien dem IS anzuschließen, steckt aber viel mehr. Dass der IS auf junge Menschen aus Europa eine so enorme Sogwirkung ausüben konnte, kann nicht allein mit Diskriminierung erklärt werden, sei diese real oder imaginiert. Auch häufig zu hörende Behauptungen, die seien alle krank, greifen zu kurz – wenn auch psychische Erkrankungen wie etwa Schizophrenie unter Jihadisten nachweislich verbreiteter sind als in der Durchschnittsbevölkerung.

Wie erklären Sie sich die Anziehungskraft des IS?

Eine wichtige Rolle spielt die Vorstellung einer zukünftigen, weltweiten islamischen Gesellschaft: ein kurioser Mix aus Volksgemeinschaft und Internationalismus. Auch Abenteuerlust, metaphysische Sinnsuche und der aggressive Fanatismus sollten nicht unterschätzt werden. Dazu kommen materielle Motive, denn die foreign fighters werden sehr explizit mit dem Versprechen auf einen Lebensstil angeworben, den sie sich aufgrund ihrer meist prekären Jobs in Europa gar nicht leisten könnten: teure Autos, Villen und andere an kapitalistischen Gesellschaften orientierte Konsumgüter.

Auch sexuell dürften sich viele Jihadisten diese „paradiesischen Zustände“ erhoffen.

In der Tat. Viele männliche foreign fighters erhofften sich ein Leben im Überfluss mit allzeit verfügbaren Frauen. Häufig wird dabei auf Klischeevorstellungen des „sinnlichen Orients“, aber auch auf die westliche Kulturindustrie Bezug genommen. „Wenn ich Märtyrer bin, möchte ich, dass alle meine Frauen in einem Riesenpalast mit so Bikinis rumlaufen. Die sollen aussehen wie die von Baywatch“, sagt einer der 160 deutschen Jihadisten aus meiner Untersuchung.

Sie haben einige Motive der Jihadisten genannt. Ein einziges, prototypisches Profil des westeuropäischen foreign fighters gibt es also nicht?

Nein. Die Motive, sich dem IS oder Al Qaida anzuschließen, sind unterschiedlich. Deshalb habe ich in meiner Untersuchung, deren Datenkorpus auf Presseberichten und Internetrecherche beruht, soziostrukturelle, individualistische, gruppenpsychologische und politische Erklärungsansätze kombiniert. Nicht zu unterschätzen sind die oft schwierigen familiären Verhältnisse, aus denen die Jihadisten stammen: broken homes, Scheidungsfamilien, Schulversagen, frühe Kleinkriminalität, häufig gepaart mit Drogenhandel und -konsum.

Welche Rolle spielen Gefängnisse?

Gefängnisse sind ein wichtiger Ort für die islamistische Radikalisierung. Dort haben einige der späteren Jihadisten Gleichgesinnte getroffen, sind zum Islam konvertiert – und erst so von den Drogen losgekommen. Über die Gefängnisse als Orte der Radikalisierung gibt es hierzulande noch zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse. Ohnehin ist es auffällig, wie wenig in Deutschland soziologisch und politikwissenschaftlich zu Jihadismus und islamistischer Radikalisierung geforscht wird. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Frankreich, ist man da weiter.

Bisher haben wir kaum über religiöse Motive gesprochen.

Religiöse Motive werden neben der rassistischen Diskriminierung gerade von Rückkehrern immer wieder hervorgehoben. Man habe nur den unterdrückten Glaubensbrüdern und -schwestern helfen wollen, heißt es dann. Der Verweis auf religiöse Motive bleibt jedoch meist an der Oberfläche. Zwar werden Kampfbereitschaft, ein apokalyptisches Weltverständnis oder das Bedürfnis, einer Avantgarde von Auserwählten anzugehören, durch eine sehr selektive Interpretation des Islam religiös gerahmt. Doch entscheidender für die Erklärung der Motive der foreign fighters ist aus meiner Sicht die gruppenpsychologische Aufwertung.

Die meisten der von mir untersuchten Jihadisten haben in den Herkunftsländern ja ein in mehrfacher Hinsicht alles andere als paradiesisches Leben geführt. In Syrien oder im Irak wollten sie mit ihrem bisherigen Leben brechen und eine neue Identität annehmen. Sichtbares Zeichen dieses Identitätswandels ist bei Männern die Annahme eines arabischen Kampf- oder Aliasnamens und die Barttracht, bei Frauen ebenfalls die Annahme eines arabischen Aliasnamens und die Verhüllung des Körpers. Wichtig ist mir, den Jihadismus nicht als religiöse, fundamentalistische Sekte zu begreifen, sondern als eine politische Bewegung, die im Kern faschistisch ist.

Inwiefern faschistisch?

Bereits die Annahme einer fundamentalen Ungleichwertigkeit von Menschen und dem daraus abgeleiteten Recht auf Ausbeutung, Versklavung und Ermordung von Ungläubigen, die als „Schweine“ bezeichnet und entmenschlicht werden, ist im Kern faschistisch. Und da sich diese Form des Faschismus mit dem Islam verquickt, der dazu dient, die äußerste Brutalität und Inhumanität als gottgefällig zu rechtfertigen, halte ich den Begriff des Islamofaschismus in diesem Zusammenhang für sinnvoll – allerdings mit der Einschränkung, dass es sich nicht um ein voll ausgebildetes Regime handelt, sondern um eine Bewegung in diese Richtung. Der für jedes faschistische Regime unerlässliche Führer ist nämlich im IS noch nicht erschienen. Verbunden mit apokalyptischen Endzeitvorstellungen wird das Erscheinen einer Erlösergestalt, des Mahdi, jedoch erwartet.

Teilt der Jihadismus noch weitere Ideologeme des klassischen Faschismus?

Ja, etwa den Rückgriff auf die Grunderfahrung der „Demütigung“, die Verklärung eines goldenen Zeitalters, das Versprechen einer mächtigen Solidargemeinschaft, den Antisemitismus als Welterklärungsmuster sowie die aggressive Kampfbereitschaft und den Heldenkult. In einem wichtigen Aspekt unterscheiden sie sich aber: Der apokalyptische Endzeitglaube ist im Jihadismus viel radikaler als der faschistische Todeskult – das zeigt sich etwa an den Selbstmordattentaten, bei denen Jihadisten politisch-messianische Erlösungsvorstellungen mit der Hoffnung auf einen individuellen Eintritt ins Paradies verbinden.

Welche Rolle spielen Frauen beim IS?

Frauen, die sich dem IS oder Al Qaida angeschlossen haben, verfügen durchaus über Motive, die sich auch bei Männern finden lassen. Einige geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es dennoch. Häufig wird ja davon ausgegangen, dass Frauen im Jihadismus unterdrückt und auf die häusliche Sphäre reduziert würden. Dabei wird übersehen, wie aktiv auch Frauen beim IS mitmachen. Trotz materieller Vergünstigungen müssen sich viele Frauen in Syrien etwas dazuverdienen, etwa als Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, Übersetzerinnen – oder als Anwerberinnen, um andere westeuropäische Frauen mit der Aussicht auf einen Ehemann und ein materiell abgesichertes Dasein nach Syrien zu locken.

Je jünger weibliche Jihadistinnen aber sind – oft handelt es sich ja noch um Teenager –, desto größer ist die romantische Vorstellung, in Syrien den Märchenprinzen zu finden. Auch bei Frauen lässt sich aber die Entscheidung, in den Jihad zu ziehen, nicht auf ein einziges Motiv reduzieren. In Großbritannien etwa kommen etliche Jihadistinnen aus gut situierten Verhältnissen und verfügen über einen vergleichsweise hohen Bildungsgrad. Hier spielen ideelle Motive eine größere Rolle.

Welche sind das?

Bei Frauen ist das Helfersyndrom stärker ausgeprägt, aber auch das Motiv individueller Selbstverwirklichung jenseits familiärer Bevormundung. Interessanterweise haben viele Jihadistinnen durch eine Ausreise nach Syrien versucht, sehr früh geschlossenen Zweckehen und der patriarchalischen Bevormundung durch Väter und Brüder zu entgehen – in der Erwartung, gemeinsam mit einem gleichgesinnten Ehemann zu einer größeren Sache, zur Mission des weltweiten Aufbaus der islamischen Gemeinschaft, beizutragen. Die ihnen zugedachte Rolle als Hausfrau und Mutter wird relativiert durch ihre Teilnahme an Frauenbrigaden oder als Internetanwerberinnen, Bloggerinnen, Übersetzerinnen oder Kindergärtnerinnen.

Ähnliches kennen wir aus dem ebenfalls frauenfeindlichen Faschismus. Schon damals schlossen sich junge Frauen zum Beispiel dem Bund Deutscher Mädel an, weil sie dem konservativ-bürgerlichen Leben, das ihnen nur Eheschließung, Mutterschaft und ein Hausfrauendasein zu bieten hatte, entfliehen wollten. So paradox es klingt: Die Aussicht, Teil einer großen, gemeinsamen Sache zu werden und aktiv an der Verwirklichung einer – in ihren Augen – Utopie mitzuwirken, haben viele Frauen auch als eine Form von Emanzipation verstanden. Früher war es der Dienst am Vaterland, heute der Dienst an der Umma, der Gemeinschaft aller Muslime. Bei Jihadistinnen bestätigt sich aber auch der seit langem bekannte Befund, dass Frauen keineswegs das „friedliche Geschlecht“ sind, sondern ebenso brutal, blutrünstig und gewaltbereit wie Männer sein können.

Durch Konversion und Scharia-konformes Verhalten können im Prinzip alle Menschen Teil dieser Gemeinschaft werden. Ein nicht geringer Teil der europäischen Jihadisten besteht aus Konvertiten. Was haben Sie über diese Gruppe herausgefunden?

Bei den etwa ein Viertel aller europäischen Jihadisten umfassenden Konvertiten handelt es sich entgegen gängiger Annahmen nicht immer um Weiße. So kommen viele französische oder britische Jihadisten aus den ehemaligen, christlich missionierten Kolonialgebieten und wurden christlich sozialisiert. Viele von ihnen fühlen sich aber rassistisch diskriminiert. Im Islam sehen sie vor allem eine Ideologie der Ausgeschlossenen – im Gegensatz zum Christentum, das ihnen als Teil des Establishments gilt.

Daneben gibt es aber auch autochthone Europäer, die aus unterschiedlichen Gründen zum Islam konvertieren: etwa um ihrer Drogenabhängigkeit zu entfliehen, um der westlichen Konsumgesellschaft den Rücken zu kehren oder aus Gründen metaphysischer Sinnsuche. Dass sie sich nicht den katholischen Pius-Brüdern oder anderen ultrakonservativen christlichen Gruppen angeschlossen haben, dürfte auch daran liegen, dass ihnen der Islam salafistischer Observanz besonders militant und „cool“ erscheint und dass er es versteht, medienwirksam aufzutreten. Auch für sie ist der Islam häufig mit der Aura einer Befreiungsbewegung und der politischen Rebellion umgeben.

Welche weiteren Faktoren gibt es?

Zudem ist die Konversion zum Islam auch eine Modeerscheinung, ähnlich wie der Buddhismus in den siebziger Jahren. Andere wiederum schätzen am Islam vor allem seine autoritäre Morallehre, die klare Verhaltensregeln vorgibt und Gratifikation im Jenseits als Ort ewiger Glückseligkeit verspricht.

Auffallend viele Jihadisten aus dem unteren sozialen Segment werden als unreife, leicht beeinflussbare, außengeleitete Menschen charakterisiert. Erst in der Gemeinschaft Gleichgesinnter fühlen sie sich aufgehoben und finden, was ihnen in ihrem bisherigen Leben häufig versagt geblieben ist: eine Familie. Der IS hat das Angebot gemacht, gleichberechtigt, jenseits von „Rasse“ oder Klasse an einem großen Aufbruch teilzunehmen, an dessen Ende vermeintlich ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens unter der Herrschaft der Scharia stehen soll.

(veröffentlicht auf konkret online, 18.02.2019)

»Das Land war von Euphorie erfasst«

t_IKKAg3_400x400Roya Hakakian, Autorin und Regisseurin, im Gespräch über die islamische Revolution im Iran

Vor 40 Jahren kehrte Ayatollah Khomeini aus dem Pariser Exil in den Iran zurück. Welche Bedeutung hat dieses Jubiläum für Sie?

Ich bin traurig. Wie sehr viele Iraner hatte ich gehofft, dass das Regime nicht derart lange existieren würde. Doch es blieb – wie eine schlimme Grippe, die vor sehr langer Zeit kam. Zugleich gibt es Zeichen, dass sich im Iran Dinge zum Positiven verändern. Das Regime ist nicht dasselbe wie vor 40 Jahren. Anfangs wollte es noch den Westen zerstören und die Welt erobern. Der Revo­lutionsführer Ayatollah Khomeini hatte dafür eine Art Fahrplan ausgegeben: Erst sollte das verfeindete Ba’ath-Regime im Irak gestürzt, dann Jerusalem und schließlich der Rest der Welt erobert werden. Auch wenn das Regime außenpolitisch nach wie vor sehr aktiv ist – dieser größenwahnsinnige Plan scheiterte bereits in seinen Anfängen. Heute gleicht das Regime viel stärker einer ökonomischen Mafia als früher, und ich bin voller Hoffnung, dass die iranische Bevölkerung eine korrupte Mafia leichter los wird als ein lediglich extrem ideologisches Regime, dem derzeit in vielen Bereichen gar nicht mehr Folge geleistet wird.

Wo beobachten Sie Dissidenz?

Vor allem die iranische Frauenbewegung sendet einige wirklich positive Zeichen. Die Unterstützung für den Verschleierungszwang ist bei gewöhnlichen Iranerinnen und Iranern enorm gesunken; sogar Frauen, die selbst verschleiert sind, treten für die Entscheidungsfreiheit ein. In dieser Frage pro choice zu sein, gewinnt an Akzeptanz. Ähnliches zeigt sich in Bezug auf die Religion. Die große Mehrheit der Iraner ist nach wie vor muslimisch, während die Angehörigen religiöser Minderheiten seit der Revolution oft ausgewandert sind. Aber die Iraner sind heutzutage auf eine viel privatere Weise religiös, als vom Regime erwartet wird. Dass gewöhnliche Iraner heute an viel mehr Entscheidungsfreiheit glauben und sich öffentlich gegen staatliche ­Bevormundung wehren, ist ein großer Schritt nach vorne und genau das Gegenteil dessen, was das Regime will.

Ist man sich dieser Entwicklungen hier im Westen bewusst?

Nein, diese Entwicklungen werden leider nur von wenigen im Westen verstanden. Schon 1978/79 befürworteten Linksradikale die Verschleierung zum Wohle der nationalen Einheit des Iran. Und noch heute gibt es viel zu wenig internationale Unterstützung für die iranische Frauenbewegung, obwohl sich die Parallelen zu historischen feministischen Kämpfen im Westen geradezu aufdrängen. Nach wie vor wird viel zu wenig verstanden, dass der Islamismus und speziell das iranische Regime ein gewalttätiges Übel sind. Das wirft einen Schatten auf heutige Linke und Liberale, die doch eigentlich für sich reklamieren, auf der Seite der Opfer und Unterdrückten zu stehen.

Als Zwölfjährige haben Sie die islamische Revolution in Teheran miterlebt. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Nichts war vorhersehbar und alles sehr chaotisch – und gerade als Teenager fand ich alles sehr aufregend. Das ganze Land war damals von großer Euphorie erfasst, denn fast alle sehnten sich nach dem Ende der Herrschaft des verhassten Schahs. Als Zwölfjährige konnte ich gar nicht wirklich einordnen, was um mich herum passierte. Wie so viele meiner Altersgenossen hatte ich gehofft, dass nun die Zeit eines demokratischen Iran anbrechen würde. Meine Eltern aber haben – so wie viele andere Juden in Teheran – die politischen Entwicklungen von Anfang an mit Sorge beobachtet, zu Recht, wie sich herausstellen sollte.

Wodurch wurde Ihre anfängliche Euphorie gebremst?

Schon kurz nach der Revolution setzten Ereignisse ein, die den Iran destabilisierten. Für viele Iraner fand der Traum von einem demokratischen Iran mit der Besetzung der US-amerikanischen Botschaft durch Anhänger Khomeinis im November 1979 ein Ende. Dazu kam dann der Krieg mit dem Irak von 1980 bis 1988. Während der Kriegsjahre gab es besonders viele Verhaftungen von Oppositionellen, Hinrichtungen, Einschränkungen der Pressefreiheit und eine besonders harte Unterdrückung von Frauen. Mir war von Anfang an klar, dass mit der islamischen Re­volution vor meinen eigenen Augen Geschichte geschrieben wurde. Doch es hat etwas gedauert, bis ich begriff, dass sich meine Hoffnungen auf einen demokratischen, gerechten Iran nicht erfüllen würden. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem ein Erlebnis an der jüdischen Schule, die ich damals besuchte: Eines Tages stellte sich eine Frau mit Tschador als neue Rektorin vor. Bald stellte sich heraus, dass sie ihre Aufgabe vor allem darin sah, uns zum Islam zu bekehren. Nach Monaten dämmerte es uns, dass diese Frau bleiben und mit ihr der Druck auf uns ­Juden steigen würde.

War das eine neue Erfahrung für Sie?

Zur Zeit der Revolution habe ich mich in erster Linie gar nicht als Jüdin identifiziert, ich verstand mich vor allem als Humanistin. »Jüdisch«, das war häufig ein von außen angeheftetes Etikett. Als im Jahr der Revolution nicht nur die Parole »Juden, geht nach Hause«, sondern auch ein Hakenkreuz auf unsere Hauswand gesprüht wurde, musste ich meinen Vater erst einmal fragen, was für ein Zeichen das überhaupt ist. Antisemitismus kannte ich vor der ­Revolution nur aus Erzählungen: Meine Eltern und meine älteren Geschwister waren noch auf dem Schulweg verprügelt worden, meinem Vater wurde in seiner Schulzeit befohlen, bei Regen nicht zur Schule zu gehen. Juden galten den Muslimen als unrein und mit dem Regenwasser würde diese Unreinheit vermeintlich übertragen. Eine derartig offene Feindseligkeit habe ich in meiner Kindheit und Jugend nicht erlebt.

Wie stellte sich die Situation der ­iranischen Juden unter dem Schah-Regime dar?

Unter der – politisch repressiven – Pahlevi-Herrschaft waren die iranischen Juden in die iranische Gesellschaft eingeladen worden. Der Iran sollte unabhängig von religiösen, ethnischen und geschlechtlichen Differenzen geeint werden. In Teheran hatte sich die Situation wirklich verbessert. Ich habe damals gemeinsam mit Muslimen, Christen oder Bahai auf der Straße gespielt, welche Religion wir hatten, spielte keine Rolle. Mit der Revolution hat sich das geändert. Die Religionszugehörigkeit wurde auf einmal wieder wichtig. Seit 1979 haben mehr als 90 Prozent der iranischen Juden das Land verlassen. Die verbliebenen etwa 10 000 Juden sind weitgehend unsichtbar – eine sterbende Gemeinde.

Welche Bedeutung hat diese kleine Gemeinde für das Regime?

Ab 1979 gab es Restriktionen für Juden zum Beispiel beim Zugang zu höherer Bildung und zu bestimmten Bereichen wie dem Militär, bei politischen Ämtern und an Hochschulen. Mit der Zeit wurden einige dieser Restriktionen wieder zurückgenommen. Ich denke, das liegt daran, dass die Gemeinde so stark geschrumpft ist und das Regime sie nicht mehr als Gefahr betrachten. Im Gegenteil: Es ist für das Regime sehr vorteilhaft, noch eine kleine jüdische Gemeinschaft im Land zu haben, um sich als tolerant und als nicht antisemitisch zu inszenieren. Die iranische Verfassung stuft die Juden als »Volk des Buches« ein und erkennt sie damit – im Gegensatz etwa zu den stark verfolgten Bahai – auf gewisse Weise an. Zugleich gibt es zahlreiche, auch rechtliche Diskriminierungen: So können Juden, wie auch andere Nichtmuslime, vor Gericht nicht gegen einen Muslim als Zeugen aussagen. Die offizielle Position lautet: Man erkenne die Juden gemäß islamischer Doktrin an und habe nur etwas gegen die »blutsaugenden Zionisten«.

Welche Rolle spielte diese Diskri­minierung bei ihrer Entscheidung, 1984 den Iran zu verlassen?

Neben dem ökonomischen Druck in Form der Rationierungen während des Kriegs mit dem Irak bewog mich vor allem die faktische Unmöglichkeit eines Universitätsstudiums dazu, auszuwandern. Für Angehörige religiöser Minderheiten wurde nach 1979 ein Studium immer weniger denkbar. Nicht weil uns das offiziell verboten worden war, sondern durch das Hinzufügen einer moralischen Komponente im Zulassungsverfahren. Als Jüdin wäre es mir unmöglich gewesen, eine ausreichend hohe Bewertung zu bekommen, denn regelmäßige Moscheebesuche oder ein Empfehlungsschreiben eines lokalen Mullahs hätte ich nicht vorweisen können. Nach zehn Monaten in Wien kam ich 1984 dann mit Hilfe der Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS) in die USA, wohin bereits meine Geschwister geflohen waren. Hier arbeite ich nun als Autorin, Journalistin und Dokumentarfilmerin. 2004 habe ich das ­Iranische Menschenrechtsdokumentationszentrum (IHRDC) mitgegründet.

Roya Hakakian ist eine iranisch-US-amerikanische ­Autorin und Regisseurin. 1984 verließ sie mit ihrer ­Familie Teheran und emigrierte in die USA. Dort arbeitet sie heute als Journalistin und als Dokumentar­filmerin. Ihre Erinnerungen an das Aufwachsen als jüdische Teenagerin während der iranischen Revolution und in den frühen Jahren der Islamischen Republik publizierte sie 2004 unter dem Titel »Journey from the Land of No«. Sie ist außerdem ein Gründungsmitglied des Iran Human Rights Documentation Center, das seit 2004 Menschenrechtsverletzungen im Iran dokumentiert.

(veröffentlicht in: Jungle World 07/2019)

»Ich bin zutiefst enttäuscht von den Linken und Linksliberalen«

t_IKKAg3_400x400Seyran Ateş im Gespräch über deutsche Islamverbände, Integration und die Linke

Bereits vor zehn Jahren haben Sie ein Buch veröffentlicht, das vorherrschende Vorstellungen vom multikulturellen Zusammen­leben kritisiert. Worin genau liegt für Sie der »Multikulti-Irrtum«?

Unter »Multikulti-Irrtum« verstehe ich die falsche Annahme, dass verschiedene ethnisch-kulturelle Gruppen friedlich koexistieren können, wenn sie jeweils nach ihren eigenen Werte- und Normvorstellungen ­leben. In meinem Buch habe ich damals beschrieben, wie problematisch ein solches Konzept von Zusammenleben ist. Individuen sollen demnach nicht nach den Werten der Menschenrechte leben, sondern ­bleiben stets in ihrem kulturellen Kollektiv gefangen. Sie orientieren sich dann daran, was das Kollektiv von ­ihnen verlangt – ohne einen eigenen Weg einschlagen zu können. Konflikte sind dabei programmiert, weil Individualrecht und Kollektivrecht miteinander in Konflikt stehen und überhaupt bestimmte Wertvorstelllungen dem Grundgesetz widersprechen. Noch heute sind die negativen Auswirkungen dieser falschen Auffassung von Multikulturalismus ­unübersehbar.

Hat sich seither etwas zum Positiven verändert?

Ja, zum Beispiel die Einstufung der Zwangsheirat als Straftatbestand, wofür viele Mitstreiter und ich lange und hart gerungen haben. Zugleich bestehen viele der im Buch beschriebenen Probleme fort. Nehmen wir etwa die Tabuisierung von Sexualität in einigen migrantischen Milieus: Nach wie vor ist es vielen muslimischen Mädchen nicht erlaubt, ein ­sexuell selbstbestimmtes Leben zu führen. Männer spielen die Sittenwächter und achten darauf, dass die rigiden Sexualvorstellungen ein­gehalten werden. Wer aus der Reihe tanzt, wird physisch und psychisch sanktioniert. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft und auch die Migrantengruppen sollten dieses Problem endlich energischer angehen. Stattdessen wird mir und meinen Mitstreitern, die dieses Problem öffentlich thematisieren, häufig schlicht Rassismus vorgeworfen.

Wie erklären Sie sich diese Vorwürfe?

Die Vorwürfe kommen in erster Linie von Linksliberalen, die sich pauschal schützend vor alle Migranten stellen. Deren Motive in allen Ehren – es wäre ratsam, Migranten als mündige Bürger zu betrachten, anstatt jede Kritik an kulturellen oder traditionellen Handlungen pauschal als Rassismus zu diffamieren. Beim Thema Religionsfreiheit sehe ich ein ähn­liches Problem: Im Zusammenhang mit staatlicher Neutralität argumentieren viele Linksliberale und auch religiösen Menschen sehr ­einseitig zugunsten des Grundrechts der Religionsfreiheit.

Inwiefern?

Indem etwa Staatsbedienstete ihre religiösen und weltanschaulichen Symbole nach außen hin tragen dürfen, gibt der Staat seine Neutralität in Religions- und Weltanschauungsfragen auf. Ein säkularer Staat ist aber weder christlich noch jüdisch oder atheistisch und auch nicht muslimisch. Das Verbot von religiösen und weltanschaulichen Sym­bolen gilt – beispielsweise nach dem Berliner Neutralitätsgesetz – daher für das christliche Kreuz, die jüdische Kippa sowie das muslimische Kopftuch gleichermaßen wie für Symbole einer Weltanschauung. In meinen Augen wäre nur eine religions- und weltanschauliche Neutralität die ­ideale Lösung für die Säkularität des Staats.

Sie kritisieren häufig die deutschen Islamverbände.

An den deutschen Islamverbänden kritisiere ich vor allem ihre Abhängigkeit vom Ausland. Das kann man ganz exemplarisch an der Ditib beobachten, die ja kaum als religiöse Glaubensgemeinschaft, sondern vielmehr als nationales Echo der türkischen Regierung in Deutschland auftritt. Meine Kritik richtet sich aber nicht nur an die Ditib, sondern auch an andere Islamverbände: also an den Zentralrat der Muslime und auch den Islamrat, die ebenfalls Strukturen des politischen Islam fest in ihren Reihen etabliert haben.

Lassen Sie uns beim Beispiel ­Ditib bleiben. Was genau kritisieren Sie?

Die Ditib wird gelenkt und finanziert von der türkischen Religionsbehörde Diyanet, und diese untersteht der türkischen Regierung. Die Satzung der Ditib ist diesbezüglich ein Beleg und Programm. Zudem muss man sich ja nur die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei anschauen und erkennen, was für eine demokratiefeindliche Politik die türkische ­Regierung dort betreibt. Auch dass die Imame der Ditib aus der Türkei gesendet und finanziert werden und obendrein kein Deutsch sprechen, die Kultur in Deutschland nicht kennen oder gar ablehnen, sollte uns viel stärker kritisch hinterfragen ­lassen, was überhaupt in den Ditib-­Moscheen gepredigt wird. Unter Erdoğan kann man eine zunehmende Abschottung von der deutschen ­Gesellschaft beobachten, es geht sehr viel um türkischen Nationalismus. Uns sollte außerdem nicht kalt lassen, wenn Kinder instrumentalisiert ­werden, etwa wenn der Märtyrertod in den Moscheen gespielt wird. ­Unbestritten ist auch, dass die Diyanet einen Comic herausbrachte, in dem sie den Märtyrertod verherrlichte.

Was halten Sie dem entgegen?

Um die Moscheen unabhängiger von Auslandseinflüssen zu machen, sollten wir über eine Art Moscheesteuer nachdenken. Allerdings bin ich strikt dagegen, wenn eine Moscheesteuer letzten Endes dazu führt, die Verbände zu Körperschaften des ­öffentlichen Rechts aufzuwerten. Dies darf nicht die Folge einer Moscheesteuer werden, da ihnen auf staatlicher Ebene mehr Vorteile zustünden. Dazu sind viele Verbände noch zu weit von den Werten des Grund­gesetzes entfernt, vor allem in Fragen der Gleichberechtigung der ­Geschlechter.

Angesichts der Stärke des politischen Islam in Deutschland ist es ­außerdem umso wichtiger, die Vernetzung von liberalen Muslimen in Europa – und am besten auch weltweit – voranzubringen. Wir treten ­dafür ein, die Religion im Rahmen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu praktizieren. Als Ibn-Rushd-Goethe-Moschee arbeiten wir deshalb im Moment mit anderen liberalen Einzelpersonen und Einrichtungen zusammen, so etwa mit Ludovic-Mohamed Zahed, einem homosexuellen Imam aus Marseille, mit dem irakischen LGBT-Aktivisten Ayaz Shalal oder mit der Sängerin Ani Zonneveld aus den USA. Daneben sind wir in kontinuierlichem Dialog mit anderen liberalen Gemeinden in der Schweiz, in Frankreich und in Dänemark. Ich bin optimistisch, dass das weltweite Netzwerk noch weiter wachsen wird.

Erhalten die liberalen Muslime aus ihrer Sicht ausreichend ­Gehör?

Nein. Der Islamdiskurs in Deutschland verbleibt leider häufig auf der symbolischen Ebene. Es wird dann gefragt, ob der Islam zu Deutschland gehört. Selbstverständlich muss hier zurückgefragt werden: Um welchen Islam geht es denn überhaupt? Denn ein Islamverständnis wie aus Ägypten, Saudi-Arabien oder auch aus dem Iran darf nie und nimmer zu Deutschland gehören, sondern eben nur ein Islam, der auch mit den Menschenrechten vereinbar ist. Die Debatte, die wir stattdessen führen sollten, sollte sich um reale Probleme drehen: um Fragen der Integration, um die problematische Finanzierung von Moscheen durch islamistische Regimes aus dem Ausland, ­Geschlechtergerechtigkeit oder um die weitverbreitete Ablehnung der Werte des Grundgesetzes.

Lässt sich aus Ihrer Sicht mit den Islamverbänden darüber überhaupt konstruktiv diskutieren?

Die muslimischen Dachverbände möchte ich bei einer Diskussion dieser Fragen keineswegs ausschließen. Ich wünsche mir, dass wir diese Probleme gemeinsam angehen und ­gegen extremistische Tendenzen innerhalb unserer Religion ankämpfen. Die Deutsche Islamkonferenz wäre dazu eine gute Plattform. Doch leider sind die Verbände viel zu sehr vom Ausland abhängig und richten sich oftmals gegen uns liberale Muslime, weshalb es schwer ist, eine gemeinsame Basis zu finden. Häufig wird leider – auch von deutschen Medien und Politikern – der Eindruck verbreitet, dass die Verbände für die Mehrheit der Muslime in Deutschland sprächen. Doch genau das ist eben nicht der Fall, da maximal 15 bis 20 Prozent der Muslime in Deutschland organisiert sind. Und trotzdem werden die Verbände oft weiterhin als alleinige Gesprächspartner angesehen.

Könnten Sie dafür ein Beispiel nennen?

So etwa im Fall der der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort wird ein ­Institut für islamische Theologie gegründet, bei dem etwa mit der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden in Deutschland (IGS) Organisationen über die Lehr­inhalte entscheiden, die teils vom Verfassungsschutz beobachtet werden und auch den jährlichen anti­semitischen al-Quds-Marsch mitorganisieren. Es wäre hier sehr von Vorteil gewesen, das ganze Projekt nicht so einseitig den bestehenden Verbänden zu überlassen. Denn es gibt doch nicht nur den einen einzigen »wahren Islam«, sondern verschiedene muslimische Strömungen. Das sollten sowohl Bildungsinsti­tutionen als auch die Politik endlich anerkennen und uns bei wichtigen Sachfragen zum Islam berücksichtigen. Derzeit erweist die Politik den ­liberalen Muslimen jedoch einen Bärendienst.

Machen rechte Parteien wie die AfD oder die FPÖ das anders?

Der Islam-Diskurs wird leider sehr von diesen Parteien dominiert. Ich bin dafür, ihnen entschlossen entgegenzutreten. Die Themen Islam und Integration sollten uns alle beschäftigen, denn es gibt ja ganz konkrete Probleme, die wir angehen müssen. Die Debatte sollte jedoch differenziert geführt und nicht den Rändern der Gesellschaft überlassen werden. Die AfD und die FPÖ bedienen einen identitären Diskurs und heizen die gesellschaftliche Stimmung gegen Muslime auf. Sie tragen wenig bis gar nichts zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei, da ihre »Lösungen« nicht an den Menschenrechten, sondern viel eher am völkischen ­Nationalismus orientiert sind.

Dennoch sind Sie im November 2018 in der FPÖ-nahen Freiheit­lichen Akademie aufgetreten. Warum?

Ich bin dafür, auch mit der AfD und der FPÖ das Gespräch und die Aus­einandersetzung zu suchen. Bei meinem Auftritt in der Freiheitlichen Akademie konnte ich ganz klar unterstreichen, dass ich eine andere Auffassung vom Islam und der Gesellschaft habe als die FPÖ. Als überzeugte Demokratin bin ich der Auffassung, dass man auch mit Menschen sprechen muss, die sich am äußeren Rand unserer Demokratie befinden. Nicht um ihre Meinung zu übernehmen oder Verständnis aufzubringen, sondern um ihnen in der Debatte deutlich zu machen, dass viele ihrer vermeintlichen Lösungen nicht tragfähig sind. Denn es geht nicht nur um eine Religion, sondern um eine gesamtgesellschaftliche Frage: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?

Was tragen die Linken und Linksliberalen zu dieser Debatte bei?

Ich bin zutiefst enttäuscht von den Linken und Linksliberalen. Das sage ich als jemand, die selbst aus der Linken kommt. Vor einigen Jahrzehnten machten wir uns noch stark für Emanzipation und Freiheit, ureigenste Werte von Linken. Heutzutage beobachte ich, dass – wie etwa im Fall der Humboldt-Universität – Linke und Linksliberale mit einer falsch verstandenen Toleranz islamistische Organisationen in Deutschland ­hofieren. Ich will das gar nicht pauschalisieren und alle Linken über ­einem Kamm scheren, da es auch richtig gute Leute mit einer klaren Haltung gegen Islamismus gibt. Doch leider höre ich von ihnen viel zu ­wenig. Daneben gibt es bei ganz bestimmten akademisch gebildeten Linken auch das Problem des pauschalen Rassismusvorwurfs bei ­Kritik am Kopftuch oder an der Burka. Ihre ideologischen Motive werden dann einfach totgeschwiegen. Für die Zukunft wünsche ich mir ein Umdenken, und dass sich manche ihrer vermeintlich moralischen Über­legenheit entledigen und anfangen, die gesellschaftlichen Probleme ­endlich wahrzunehmen.

Betrifft das auch die Debatte über Flüchtlinge?

Die Debatte wird von den extremen Rändern oftmals so geführt, dass es sich bei den Flüchtlinge auf der einen Seite pauschal um Unschuldsengel handelt, die man vor jeglicher Kritik zu schützen hat. Auf der anderen ­Seite werden Flüchtlinge kollektiv kriminalisiert, mit der Konsequenz, dass man sie schleunigst wieder loswerden will. Differenzierung würde dieser Debatte guttun. Flüchtlinge sind in erster Linie Individuen – mit Menschenwürde, weshalb wir jeden Fall vor allem individuell betrachten sollten.

Was heißt das konkret?

Es ist nun wichtig, diejenigen mit ­einer sicheren Bleibeperspektive nicht nur in Arbeit zu bringen und ihnen die deutsche Sprache zu vermitteln, sondern dafür zu sorgen, dass die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte in Integrations­fragen sich nicht wiederholen. Dazu zähle ich in erster Linie, dass keine aktive Integrationspolitik betrieben wurde. Und genau das darf sich nicht wiederholen. Deshalb ist es sehr wichtig, die Werte des Grundgesetzes und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu vermitteln sowie Probleme wie Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit direkt dort anzusprechen, wo sie auftauchen. Wir müssen bereits am Anfang unmissverständlich deutlich machen, dass die Regeln in diesem Land unser Wertefundament widerspiegeln und diese Gesellschaft ­zusammenhalten. Es ist wichtig, dass wir uns alle diesen Regeln und Werten verpflichten, unabhängig von unserer Herkunft. Nur so garantieren wir unsere Freiheit und Sicherheit.

Seyran Ateş ist Autorin, Rechtsanwältin und Gründerin einer liberalen Moschee. Sie setzt sich für einen demokratischen Islam ein und möchte die Vernetzung liberaler Muslime in Europa verbessern.

(veröffentlicht in Jungle World: 04/19)

»Religiöse Gerichte urteilen häufig nicht zum Wohl der Frauen«

t_IKKAg3_400x400Yuval Ofer im Gespräch über die jüngsten ­feministischen Proteste in Israel. Sie ist Pressesprecherin der 1984 gegründeten Organisation Israel Women Network, die sich für die Gleichberechtigung von Frauen in Israel einsetzt.

Wofür setzt sich die Organisation ­Israel Women Network ein?

Das Israel Women Network (IWN) setzt sich für Frauenrechte in allen gesellschaftlichen Bereichen Israels ein. Als führende Frauenrechtsorganisation haben wir seit unserer Gründung 1984 an einigen wegweisenden Verände­rungen mitgewirkt, so etwa an der verbesserten Gesetzgebung gegen sexu­elle Belästigung oder der stärkeren Öffnung der israelischen Streitkräfte für Frauen. Wir verstehen uns als aktivistischer Think Tank, weshalb wir Kontak­te sowohl zu sozialen Bewegungen und Basisinitiativen als auch zu Entscheidungsträgern in der Knesset oder anderen Bereichen der Politik pflegen. Entsprechend gehören Anwältinnen, Politikerinnen, Geschäftsfrauen, Geschlechterforscherinnen und auch Künstler­innen zu unserem Netzwerks.

Welche Arbeitsschwerpunkte hat das IWN?

Eines unserer Projekte richtet sich zum Beispiel gegen die Geschlechterungerechtigkeit auf dem israelischen Arbeits­markt. Denn auch in Israel herrscht noch immer eine traditionalistische Auffassung vor, wonach »unsichtbare Arbeit« in der ­Familie und im Haushalt nicht gleich aufgeteilt wird, sondern vor allem von den Frauen zu leisten ist. Dadurch werden Frauen in prekäre ­Arbeitsverhältnisse getrieben, was dann auch Kon­sequenzen für die Altersabsicherung hat. Zudem ist der durchschnittliche Monatsverdienst von Frauen um 20 Prozent geringer als der von Männern. Mit unserem Projekt möchten wir Druck auf politische Entscheidungsträger ausüben und die Öffentlichkeit für die Geschlechterungerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt sensibilisieren, von deren Abschaffung sowohl Frauen als auch Männer profitieren würden. In diesem Rahmen haben wir auch eine Studie zu frühkindlicher Erziehung und Care-Politik veröffentlicht.

In welchen weiteren Bereichen ist das IWN tätig?

Ein anderes wichtiges Projekt ist die Telefon-Hotline zum Arbeitsrecht. Unser Expertinnen-Team bietet kosten­lose Rechtsberatung an und bei Präzedenzfällen auch anwaltliche Vertretung. Im Rahmen der Hotline haben wir seit Oktober 2017 auch ein spezielles Angebot für ultraorthodoxe Frauen geschaffen. Damit wollen wir auch ihnen dabei zu helfen, fair und nach geltendem Recht bezahlt zu werden. In der ultraorthodoxen Bevölkerung sind es häufig gerade die Frauen, die neben Kindererziehung und Haushalt noch Lohnarbeit verrichten – während ihre Männer sich dem religiösen Studium widmen. Niedriglöhne, Teilzeitbeschäftigungen und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse sind bei diesen Frauen sehr verbreitet. Dass unsere Beratung stark in Anspruch genommen wird, zeigt, wie wichtig es ist, zielgruppenorientiert ­gegen die Geschlechterungerechtigkeit vorzugehen. Im Moment arbeiten wir daran, auch ein spezielles Beratungsangebot für arabische Arbeitnehmer­innen zu schaffen.

Sie sagten, das IWN arbeite auch eng mit der Knesset, dem israelischen Parlament, zusammen.

In der Tat. Das IWN betreibt ein Moni­toring von Gesetzen und parlamentarischen Aktivitäten, die Auswirkungen auf Frauenrechte haben. Dabei zeigen wir auch auf, dass manche politischen Entscheidungen, die auf den ersten Blick scheinbar nichts mit den Geschlechterbeziehungen zu tun haben, dennoch unterschiedliche Auswirkungen auf Frauen und Männer haben können. In den Ausschüssen der Knesset initiieren unsere Repräsentantinnen dann entsprechende Diskussionen und nehmen auch daran teil. Als überparteiliche ­Organisation haben wir Vertreterinnen sowohl in der regierenden Likud-Partei als auch in der Opposition. Bei den beiden ultraorthodoxen Koalitionspartnern des Likud ist das nicht möglich: Denn sowohl bei der Shas-Partei als auch beim Parteienzusammenschluss Vereinigtes Thora-Judentum sind Frauen als Mitglieder gar nicht zugelassen. Wogegen sich übrigens auch immer mehr ultraorthodoxe Frauen wehren.

Wie schätzen Sie die Durchsetzung von Frauenrechten in der ultraorthodoxen Bevölkerungsgruppe ein?

In den vergangenen Jahren beobachten wir besorgt, wie die Exklusion von Frauen in der ultraorthodoxen Bevölkerungsgruppe von der Regierung immer häufiger geduldet wird. Das betrifft etwa die Segregation in Bussen, medizinischen Einrichtungen, in der Armee, auf Friedhöfen oder im Bildungssystem. Wenn etwa an Colleges und Universitäten für ultraorthodoxe Männer und Frauen separate Klassen, Bibliotheks- oder Essenszeiten in der Cafeteria eingeführt werden, dann setzen wir uns dafür ein, dass diese Geschlechtertrennung nicht durch Steuergelder unterstützt wird. Außerdem besteht hier die Gefahr der Schaffung von Präzedenzfällen, so dass bestimmte Entwicklungen sich nicht oder nur noch sehr schwer rückgängig machen lassen.

Wollen denn überhaupt viele Ha­redim, Ultraorthodoxe, an Universitäten und Colleges studieren?

Das betrifft etwa die Hälfte der Ultraorthodoxen. Aber wenn sich sie sich dafür entscheiden, dann sollte die Geschlechtertrennung unserer Auffassung nach nicht vorgegeben sein. Denn auch bei den Haredim gibt es keine einheitliche Haltung zu diesen Fragen. Wichtig ist dem IWN deshalb, auch mit ultraorthodoxen Frauen zusammenzuarbeiten und sie beim Einsatz für ihre Menschenrechte als Frauen zu unterstützen.

Für Angelegenheiten des Personenstandsrechts sind in Israel das orthodoxe Rabbinat beziehungsweise dessen nichtjüdische Pendants zuständig. Eine zivile Eheschließung oder Scheidung gibt daher es nicht. Ist die Einführung der Zivilehe auch ein Anliegen des IWN?

Absolut. Jedoch ist die Einführung der Zivilehe sehr, sehr schwierig zu erreichen. Denn jede Regierung ist auf eine Koalition mit den Haredim angewiesen. Egal, ob die Ultraorthodoxen mit dem Likud oder anderen Parteien ko­alieren, ist eine ihrer Kernbedingungen dafür die Aufrechterhaltung der Macht des Rabbinats. Der Staat erkennt zwar im Ausland geschlossene Zivilehen an, eine vollständige Scheidung kann jedoch nur durch ein religiöses Gericht erwirkt werden – und die urteilen häufig nicht zum Wohl der Frauen. Durch die Verantwortlichkeit des Rabbinats in Angelegenheiten des Personenstandsrechts werden übrigens nicht nur Frauen diskriminiert. Wer etwa nur einen jüdischen Vater oder väterlicherseits nur einen jüdischen Großelternteil hat, darf zwar Israeli werden, muss für eine Heirat in Israel aber nach ortho­doxen Regeln zum Judentum konvertieren. Auch diese Regelung trägt der Vielfalt jüdischer Identitäten nicht Rechnung.

Anfang Dezember gab es angesichts der stark gestiegenen offiziell re­gistrierten Zahl von Fällen von Gewalt gegen Frauen in ganz Israel große Demonstrationen. Wie blicken Sie auf die Proteste?

2018 sind in Israel bisher 24 Frauen getötet worden – nur weil sie Frauen waren. Dagegen und gegen die Passivität der Regierung richtete sich die breite Protestbewegung. Als eine unter den insgesamt über 50 Organisationen war das IWN natürlich auch an diesem ­historischen Moment beteiligt. Über 30 000 Israelis sind landesweit und unabhängig von ihrer sozialen, religiösen oder ethnischen Herkunft auf die Straße gegangen. Da viele Menschen für die Proteste sogar ihre Arbeit niedergelegt haben, hat das IWN seine Hotline auch für die Beratung zum Streikrecht geöffnet.

Welche Forderungen vertritt die Protestbewegung?

Wir sind aufgestanden, weil wir Antworten verlangen: wegen inkompetent geführter Verfahren und mangelnder Strafverfolgung, wegen der Zurückweisung von Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, durch Meldestellen, wegen der nicht vorhandenen Auseinandersetzung mit den Ursachen der Gewalttätigkeit von Männern und wegen des weitgehendem Herunterspielens und der Ignoranz gegenüber der lebensbedrohlichen Gewalt gegen Frauen. Wir Frauen stellen 50,6 Prozent der Bevölkerung und werden es nicht dulden, dass wir Opfer von Gewalt werden und die Regierung keine Gegenmaßnahmen ergreift.

Zur Kontextualisierung: Wie viele Frauen sind in Israel von der Gewalt betroffen?

Täglich werden knapp 50 Verfahren wegen häuslicher Gewalt eröffnet – von denen aber etwa 90 Prozent wegen »mangelnder Beweise« wieder geschlossen werden. Über 200 000 Frauen sind in Israel Opfer von misogyner Gewalt, von denen aber nur 13000 von der Polizei und den Wohlfahrtsein­richtungen geschützt werden.

Im Juni 2017 hatte die Regierung zwar einen Aktionsplan zur besseren Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen ver­abschiedet. Aber von den für einen Zeitraum von fünf Jahren genehmigten 250 Millionen Schekel sind erst weniger als zehn Prozent ausgegeben worden. Es ist unglaublich, dass die Regierungskoalition in der Knesset geschlossen gegen die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission zu häuslicher Gewalt gestimmt hat – aus Fraktionszwang, schlicht weil die Initiative von der Opposition kam. Nachdem wir auf die Straße gegangen sind, warten wir nun auf weitere Schritte der Regierung. Im April finden die nächsten Parlamentswahlen statt – wir werden uns dafür einsetzen, dass Frauenrechte in Zukunft mehr Gewicht erlangen.

(veröffentlicht in: Jungle World 01/19)