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Realistische Optimisten

7rxoG1a0_400x400Seit zwei Jahren gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Bremerhaven

Nach ihnen, die Dame« – Mircea Ionescu lässt keine Gelegenheit zu einem guten Plausch aus. Erst recht am frequentierten Fischmarkt in Bremerhaven. »Natürlich« esse er Fisch, sagt er, während er darüber fachsimpelt, welcher Verkaufsstand die beste Ware anbietet.

In der Gemeinde Menorah, die Ionescu 2016 mitgegründet hat, gebe es »solche und solche Ernährungsgewohnheiten«, sagt er. Der 64-Jährige selbst verzichtet auf Schwein. »Ich bin doch Fischkopf-Jude«, lacht der sympathische Cellist, der am hiesigen Philharmonischen Orchester angestellt ist. Man merkt: Iones­cu fühlt sich wohl in Bremerhaven. Er kennt viele Menschen, ist am Stadtleben interessiert – und aktuell dabei, zusammen mit einigen Mitstreitern, die liberale Gemeinde weiterzuentwickeln und sie in der Bremerhavener Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Ihre Feste feiert die Menorah Jüdische Gemeinde zu Bremerhaven e.V. in der Villa Schocken, einem Gebäudekomplex im Norden Bremerhavens. Benannt nach den Schockens, einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die sich vor der Schoa im Gemeindeleben stark engagiert hat.

Teile der Familie konnten nach dem Novemberpogrom ins Ausland fliehen, Jeanette Schocken blieb mit ihrer Tochter Edith, die wegen des Nazi-Terrors psychisch erkrankt war, in der Region. 1941 wurde sie zusammen mit anderen Bremer und Bremerhavener Juden nach Minsk deportiert und mutmaßlich im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet. Inzwischen gehört die Villa Schocken der Arbeiterwohlfahrt, die dort ein Seniorenheim betreibt. Ein Gedenkstein erinnert an die Vorbesitzer des Gebäudes.

RABBINERFRAGE Einen eigenen Rabbiner oder Kantor hat die Menorah-Gemeinde derzeit nicht. Bis zu 30 Personen kommen zu den Veranstaltungen im Festsaal der Villa Schocken. Die meisten Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, an vielen Festen nehmen regelmäßig auch nichtjüdische Interessierte und Familienangehörige teil. Ionescus Lebensgefährtin ist ebenfalls nicht jüdisch. »Ich wollte mich da nicht unnötig beschränken«, sagt der Gemeindevorsitzende und lacht.

»Hallo Mircea, du bist es doch, oder?« – im Türrahmen trifft Ionescu unerwartet auf einen ehemaligen Nachbarn. Die beiden haben sich Jahrzehnte nicht gesehen. »Gemeindevorsitzender? Ich wusste ja gar nicht, dass du jüdischen Glaubens bist«, sagt der ehemalige Nachbar. »Die Deutschen scheuen sich, das Wort ›Jude‹ zu sagen«, entgegnet Ionescu trocken.

Plötzlich befinden wir uns unbeabsichtigt inmitten einer Art Testlauf von »Leih Dir einen Juden« – dem ersten großen Projekt der Menorah-Gemeinde, durch das sie seit diesem Herbst Austausch und Dialog mit den nichtjüdischen Bremerhavenern schaffen und ihnen Wissen über das Judentum vermitteln will. Für die Auftaktveranstaltung am 30. September im Auswandererhaus hatte die Gemeinde den Publizisten Micha Brumlik als Redner und den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, als Schirmherren gewinnen können, erzählt Ionescu nicht ohne Stolz.

CRASHKURS Ionescu packt die Gelegenheit beim Schopf: Der Crashkurs »Judentum« beginnt und entwickelt sich zu einem schlagfertigen Ping-Pong-Spiel: »Weißt du, seit wann es die Zweistaatenlösung gibt?« – »Bestimmt erst seit ein paar Jahrzehnten, ich habe mal von Oslo gehört.« – »Nein, schau dir mal den UN-Teilungsplan und die Reaktionen der arabischen Staaten darauf an.« – »Wie viele Araber gibt es in Israel?« – »Du meinst, im Westjordanland?« – »Weißt du, wie viele Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran vertrieben wurden?« – »Keine Ahnung, das höre ich gerade zum ersten Mal.«

Ionescu lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er scheint die eigenartige Mischung aus Unkenntnis und Interesse, Kumpelhaftigkeit und übertriebener Höflichkeit des Bekannten als persönliche Herausforderung aufzufassen. Als man auf die leidvolle Geschichte der Villa Schocken während des Nationalsozialismus kommt, fällt dem ehemaligen Nachbarn nichts weiter ein, als dass er es bedauerlich fände, »dass sich die Juden damals nicht gewehrt« hätten. Vom Aufstand im Warschauer Ghetto oder der nationalsozialistischen Zwangsorganisation der Gemeinden hatte er nach eigener Auskunft bis dato nichts gewusst.

ERFOLGE Wissenslücken, die die beiden Projekte »Köfte Kosher« und »Leih Dir einen Juden« füllen wollen. Sowohl das Bremer Projekt »Köfte Kosher« wie das Bremerhavener werden an der Universität Bremen begleitend ausgewertet. Dabei soll vor allem die Frage beantwortet werden, wie erfolgreich die Begegnungen im Rahmen der Projekte letztlich sind.

Außerdem versucht die Menorah-Gemeinde, auch über VHS-Kurse auf die jüdische Geschichte in der Region aufmerksam zu machen. »Selbst im Plattdeutschen gibt es Wörter, die aus dem Jiddischen stammen«, erklärt Ionescu fasziniert. »Der Ursprung von ›tenneff‹, was so viel wie Unfug bedeutet, dürfte den meisten Bremerhavenern unbekannt sein«, meint Ionescu.

Leonid Boguslavski ist zweiter Vorsitzender der Gemeinde. 1993 ist er aus der Ukraine nach Eisleben und von dort nach Bremerhaven gekommen. »Gut so, denn ich wollte nicht von Ost nach Ost«, sagt der 57-Jährige lachend. Boguslavski versteht sein Judentum weniger im religiösen als vor allem im kulturellen Sinn. Auch er hat eine nichtjüdische Ehefrau. Schon seine Eltern waren liberale Juden. Allerdings »nicht ganz freiwillig«, wie Boguslavski ergänzt. »Denn in der Sowjetunion gab es ja nur eine erlaubte Religion: den Kommunismus.«

Er erzählt von einer Untergrund-Synagoge in Winniza, in der seine Eltern Mazzen gebacken haben. In der Bremerhavener Gemeinde kümmert sich Boguslavski vor allem um organisatorische Angelegenheiten, wie etwa den Aufnahmeantrag in die Union progressiver Juden in Deutschland. »Ich habe den Eindruck, wir kommen voran – Schritt für Schritt«, sagt er.

DEKLARATION Kurz nach der Gründung hatte die Gemeinde eine Deklaration unterzeichnet, in der sie das Grundgesetz über die Halacha stellt. Vorbild dafür war die Gemeinde in Oldenburg, die diese Deklaration unter dem Eindruck des Charlie-Hebdo-Massakers verfasst hatte. Darin eingeschlossen sieht Ionescu auch eine progressive Haltung gegenüber möglichen homosexuellen Gemeindemitgliedern. »Wir sprechen die Leute nicht darauf an, denn die eigene Sexualität ist Privatsache, da muss jeder selbst entscheiden, wie offen er oder sie damit umgeht.« Und fügt hinzu: »Wir alle sind doch Gottes Geschöpfe!«

Da die Menorah-Mitglieder im Berufsleben stehen, seien Probleme mit der deutschen Sprache, so wie sie in vielen von russischen Zuwanderern geprägten Gemeinden existieren, nicht vorhanden, erzählt Anna Rosenberg. 2007 zog sie zu ihrem Mann nach Bremerhaven. In Irkutsk arbeitete sie als Journalistin, heute ist sie Altenpflegehelferin. Bevor die Menorah-Gemeinde gegründet wurde, hatte die 53-Jährige in Bremerhaven ihr Judentum vor allem im privaten Rahmen gelebt.

Rosenberg ist froh über die Existenz der neuen Gemeinde und freut sich auf die zukünftigen Gemeindeaktivitäten. »Wir haben nicht viel Nachwuchs«, sagt sie. »Dadurch können wir nicht abschätzen, was in 20 Jahren hier los sein wird.« Das Nachwuchsproblem macht auch Ionescu und Boguslavski zu schaffen, trotzdem blicken sie nach vorn und gehen die Gemeindearbeit mit sichtbarer Freude an. Und mit viel Humor. »Wir sind realistische Optimisten«, meint Ionescu lachend.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 18.10.2018)

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Ein Teil von Werder

7rxoG1a0_400x400Der Verein widmet den Platz am Stadion seinem jüdischen Präsidenten Alfred Ries

Ein grünes Rasenband von etwa 30 Metern trennt das Fußballstadion in Bremen von der Weser. Bis vor Kurzem hieß diese Rasenfläche, die gleichermaßen Hochwasserschutz für das Fußballoval wie Naherholungsraum war, schlicht »Grüne Promenade«.

Jetzt wurde sie dem ehemaligen, langjährigen Präsidenten von Werder Bremen, Alfred Ries, gewidmet. Der jüdische Sportfunktionär, der vor dem NS-Regime fliehen konnte, war nach der Schoa nach Bremen zurückgekehrt und wirkte noch zwei weitere Male als Werder-Präsident. Während Ries’ letzter Amtszeit als Präsident gewannen die Fußballer vom SV Werder 1965 erstmals die deutsche Meisterschaft.

In Bremen gestaltete der Kaufmann Ries sowohl vor 1933 wie auch nach 1945 nicht nur den Sport, sondern auch die Politik mit. Und doch war seine Biografie lange Zeit weitgehend vergessen. Bis eine Gruppe Werder-Fans begann, zum Leben von Alfred Ries zu recherchieren, und Ende 2017 eine detaillierte Broschüre über ihn publizierte. »Ich war erstaunt, dass Ries vielen Bremern so lange unbekannt war«, sagte Thomas Hafke, einer der Hauptinitiatoren, bei der Buchpräsentation.

TERMIN
Die Ehrung von Alfred Ries begrüßt auch der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen, Grigori Pantijelew. »Das ist die Krönung der Bemühungen der Fans, Ries’ Biografie bekannter zu machen«, sagt er. Eine Platzeinweihung am Schabbat stellte für die Gemeinde kein Problem dar. Die »sei schlicht unvermeidlich«, meint Pantijelew, da die Fußballspiele nun einmal traditionell samstags stattfinden und sich der »Tach der Fans« in der vorvergangenen Woche für die Ehrung besonders gut anbot.

»Alfred Ries hat es geschafft, zurückzukehren, die Hand zu reichen und weiter bei Werder Bremen und in der Gesellschaft und Politik mitzuwirken«, erklärte Gemeindevorsitzende Elvira Noa in einem Grußwort, das zur Einweihung verlesen wurde. Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald lobte Ries als bedeutende Persönlichkeit, die in der Vereinsgeschichte einen besonderen Platz einnehme: In die Zeit von Ries’ Präsidentschaften fielen neben dem Wiederaufbau des Vereins nach dem Krieg sowie der Gründung der Fußball-Bundesliga 1963 unter Werder-Beteiligung und der ersten Fußballmeisterschaft der Bau des Vorläufers des heutigen Weserstadions.

POPULISMUS Außerdem sprach Daniel de Olano (SPD), stellvertretender Sprecher des Beirats Östliche Vorstadt, der auf Initiative von Thomas Hafke über die Benennung einstimmig, fraktionsübergreifend und ungewöhnlich schnell entschieden hatte. Bürgermeister Carsten Sieling betonte, wie wichtig das Erinnern an Nationalsozialismus und Schoa gerade in Zeiten von Populismus sei. Für ihn ist die Eröffnung des Platzes ein wichtiges Signal: »Alfred Ries ist ein Vorbild. Die Einweihung des Platzes ist ein großartiges Zeichen für Bremen und die Menschen, die sich für die Stadt engagieren.«

Zu den leidenschaftlich Engagierten gehört das Ehepaar Harms. Vor zwei Jahren sprach Vera Harms, eine pensionierte Ärztin, Thomas Hafke, der damals beim Fanprojekt Bremen arbeitete, auf Alfred Ries an. »Ich selbst kannte Ries zuvor auch nicht«, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen. Doch bei den Besuchen des Grabes ihrer Eltern auf dem Jüdischen Friedhof in Hastedt war sie von ihrem sportbegeisterten Mann Dirk auf die verwitterte Grabstelle des ehemaligen Werder-Präsidenten aufmerksam gemacht worden.

Schnell fand sich eine Gruppe für die Arbeit an der Broschüre zusammen. Neben Vorarbeiten anderer Historiker werteten die Herausgeber Akten aus dem Auswärtigen Amt und dem Staatsarchiv aus und führten Interviews mit Alfred Ries’ Witwe Hilde. In der bilderreichen Broschüre finden sich zahlreiche Fotos aus ihrer Privatsammlung.

RECHERCHE Auch Fabian Ettrich war an der Recherche beteiligt. Der 35-jährige Historiker hofft darauf, dass bald noch weitere Lücken in der Geschichte des SV Werder geschlossen werden. »Nach wie vor ist vieles darüber unklar, wie genau sich Werder in vorauseilendem Gehorsam dem NS-Führerprinzip unterworfen und seine jüdischen Spieler und Funktionäre aus dem Klub gedrängt hat.«

Ettrich stellt eine »gewisse Offenheit« beim Verein fest, ist aber der Überzeugung, dass es zur weiteren Auseinandersetzung mit Ries’ Biografie zusätzlichen Antrieb von außen braucht. »Immerhin ist Alfred Ries und seinem Leben im Werder-Museum inzwischen wesentlich mehr Raum gegeben worden«, erzählt Ettrich. Doch über die Schicksale vieler weniger prominenter jüdischer Werder-Spieler und -Funktionäre sei nach wie vor zu wenig bekannt, sagt der Historiker.

BROSCHÜRE Darüber, wie die Erinnerung an Alfred Ries nach der Platzbenennung lebendig gehalten werden könne, habe man noch nicht nachgedacht, sagt Daniel Behm vom Fanprojekt. Neben dem Verteilen der Broschüre bei Werder-Spielen gebe es aktuell keine weiteren Pläne oder Projektideen. Das Fanprojekt habe allerdings in den vergangenen Jahrzehnten hart daran gearbeitet, die Mitglieder für den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu sensibilisieren, und den Austausch mit israelischen Fangruppen vorangetrieben. Als »wichtiges Instrument gegen Antisemitismus« bezeichnete der SPD-Politiker Daniel de Olano auch die Umbenennung des Platzes.

Am Hastedter Friedhof, wo Alfred Ries begraben ist, hängt seit einigen Monaten eine Gedenktafel, und auch das Grab wurde umgestaltet. Zum Gedenken an Ries’ Eltern Eduard und Rosa, die im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wur-
den, waren vor einigen Jahren zwei Stolpersteine verlegt worden. Es wird sich zeigen, wie es gelingt, die Erinnerung an Alfred Ries nach der Platzbenennung wachzuhalten. Dafür einsetzen werden sich zahlreiche Werder-Fans und unermüdlich Engagierte in jedem Fall.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 23.08.2018)

Israel, wer sind deine Freunde?

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Nichtjuden, die sich für den Staat der meistgehassten Minderheit einsetzen? Sie hätten es sich wirklich einfacher aussuchen können. Zusammen mit Anna Melamed habe ich im Feuilleton der Welt eine Reportage zum nicht-jüdischen Engagement für Israel veröffentlicht (Ausgabe von 07.08.2018).

Den Opfern von Rassismus

7rxoG1a0_400x400Das jüdisch-muslimische Projekt erinnert an Marwa El-Sherbini.

Lernziel: Respekt! 2012 hatten sich je sechs jüdische und muslimische Jugendliche mit rechter Gewalt in Deutschland, Diskriminierung und Zivilcourage auseinandergesetzt. Ein Ergebnis des Projektes »Köfte Kosher« war die gemeinsame Gestaltung eines Erinnerungsorts im Bremer Stadtzentrum.

Auf einen Steinpavillon sprühten die Jugendlichen die Porträts von zwölf Personen, die in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland ermordet wurden. Getötet wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder weil sie obdachlos waren.

Heute ist der Erinnerungspavillon weitgehend verwahrlost, als Teil der »Köfte Kosher«-Neuauflage wird er nun umgestaltet. »Der viele Dreck und die teils von Graffiti übersprayten Porträts der Ermordeten machen eine Restaurierung notwendig«, sagt Irina Drabkina. Die 33-Jährige gehört zum Projektteam von »Köfte Kosher«.

MORD Eines der Porträts am Pavillon zeigt Marwa El-Sherbini. Die 1977 in Alexandria geborene Handballspielerin und Pharmazeutin lebte einige Zeit in Bremen – und wurde 2009 im Landgericht Dresden ermordet. Dort war sie als Zeugin geladen, um im Prozess gegen Alex Wiens auszusagen, der El-Sherbini auf einem Dresdner Spielplatz als »Islamistin«, »Terroristin« und »Schlampe« beleidigt hatte.

Dagegen hatte sich El-Sherbini rechtlich zur Wehr gesetzt, das Amtsgericht Dresden erließ gegen Wiens einen Strafbefehl mit einer Geldstrafe. Wiens legte Einspruch ein, sodass es zu einer Hauptverhandlung kam. Auf dem Weg aus dem Gerichtssaal ermordete er die im dritten Monat schwangere El-Sherbini mit 18 Messerstichen. Noch in der Verhandlung hatte der Russlanddeutsche behauptet, »solche Leute« wie El-Sherbini seien keine »richtigen Menschen«.

Der Platz an der Humboldtstraße wird jetzt in »Marwa-El-Sherbini-Platz« umbenannt und soll an die junge Frau erinnern. »Der gesellschaftliche Umgang mit der Ermordung von El-Sherbini ist skandalös«, sagt Elianna Renner, die »Köfte Kosher« leitet. Die deutschen Medien hätten die Ermordung erst aufgegriffen, nachdem bereits international berichtet worden war.

WUTBÜRGER Ähnlich kritisch bewertet Renner den gesellschaftlichen Umgang mit einem weiteren Opfer rechter Gewalt, an das der Bremer Gedenkpavillon erinnert: Mehmet Kubaşik, der 2006 vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Dortmund ermordet wurde. In Bezug auf den NSU zeige sich vor allem ein mangelnder Wille, dessen Unterstützernetzwerke lückenlos aufzudecken, die Täter angemessen zu bestrafen sowie die tendenziöse Presseberichterstattung aufzuarbeiten, sagt Renner.

»Mit ›Köfte Kosher‹ wollen wir Jugendlichen vermitteln, wie wichtig es ist, Verantwortung für Mitmenschen zu übernehmen und sich politisch gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu engagieren«, sagt die 40-Jährige. Irina Drabkina ergänzt: »Es ist im Interesse der Gesamtgesellschaft und nicht nur der direkt Betroffenen, menschenfeindlichen Diskriminierungen entgegenzutreten.«

In Bremen hat der Umbenennungsbeschluss nicht nur positive Reaktionen hervorgerufen. Im Zuge der publikumsoffenen Beratungen im zuständigen Stadtteilbeirat kam es zu rechtslastigen und frauenfeindlichen Äußerungen von einigen Anwohnern – »nahezu ausschließlich Männer, ohne Migrationshintergrund und im Ruhestand«, erzählt Beiratsmitglied Daniel de Olano. Der SPD-Politiker war schon 2012 für die Umbenennung in Marwa-El-Sherbini-Platz eingetreten. »Mit der anstehenden Restaurierung des Erinnerungspavillons bot sich die Gelegenheit, einen zweiten Anlauf zu unternehmen«, sagt de Olano. Alle Beiratsfraktionen – von Linkspartei bis CDU – stimmten für die Namensgebung im Oktober.

»Es ist zu erwarten, dass eine Platzbenennung nach einer Muslimin Reaktionen bei Teilen der Öffentlichkeit auslöst«, befürchtet de Olano. In der entscheidenden Sitzung des Beirats wurde von einem der Wutbürger sogar Marwa El-Sherbinis Status als Opfer rechter Gewalt infrage gestellt. Schließlich sei der Täter »kein Deutscher« gewesen, hieß es.

STADTGESELLSCHAFT Die Neuauflage von »Köfte Kosher« ist wesentlich umfangreicher als der Vorgänger und richtet sich nicht mehr ausschließlich an jüdische und muslimische Jugendliche. Seit Februar haben 18 Schülerinnen und Schüler aus der berufsorientierenden Wilhelm-Wagenfeld-Schule an der Umgestaltung des Gedenkpavillons mitgewirkt. »Über mehrere Monate hinweg haben meine Schüler zu den Biografien der zwölf Opfer rechter Gewalt recherchiert und anschließend künstlerische Arbeiten zum Gedenken an sie entworfen«, erzählt Christian Maier-Kahrweg, Lehrer im Fach Gestaltung und Multimedia.

Seine Klasse biete selbst einen »Querschnitt durch die Bremer Stadtgesellschaft«, und entsprechend hätten einige Schüler auch Erfahrung mit Diskriminierung machen müssen, berichtet Maier-Kahrweg. Erschreckend findet Elianna Renner, dass einige der zwischen 15 und 20 Jahre alten Jugendlichen den Nationalsozialismus im Unterricht gar nicht behandelt haben. »Das Klischee, diese Ära sei in den Schulen überrepräsentiert, stimmt also nicht«, sagt die Künstlerin. Da das Wissen über den historischen Nazismus bei »Köfte Kosher« Grundlage für die Auseinandersetzung mit heutiger rechter Gewalt bilde, hatte es deshalb teils »recht unterschiedliche Startvoraussetzungen gegeben«, erklärt Renner.

3-D-BRILLEN Der Pavillon wird nun bis Oktober restauriert – und durch spezielles, versiegeltes Plexiglas vor Graffiti geschützt sein. Daneben erhält der Gedenkort eine digitale Dimension: Über QR-Codes können Interessierte Informationen zu den Opfern rechter Gewalt auf ihren Smartphones abrufen und über vor Ort ausleihbare 3D-Brillen sowohl die jeweiligen Tatorte als auch anschließend kurze digitale Kunstwerke zu einzelnen Biografien ansehen.

Ein Werk etwa imitiert eine Taxifahrt, während der die Lebensgeschichte von Belaid Baylal erzählt wird – der Besucher sieht veränderte Landschaften vorbeiziehen, die bestimmte Lebensabschnitte repräsentieren. Ein anderes zeigt einen geschlossenen Raum, in dem ein Flügel steht, aus dem Blumen zu sprießen beginnen – ein Verweis darauf, wie leidenschaftlich Alfred Salomon Musik liebte. Can Sezer, der als Virtual-Reality-Designer die Entwürfe der Schüler umsetzt, betont, wie niedrigschwellig dieser neue Erinnerungsort ausgelegt ist: »Es müssen gar keine Apps installiert werden, man kann blitzschnell loslegen.«

Außerdem wird die Universität Bremen im kommenden Wintersemester ein Seminar anbieten, das nicht nur Grundlagenwissen zu Antisemitismus und Rassismus vermittelt, sondern »Köfte Kosher« auch begleitend auswertet. Darin soll es unter anderem um die Frage nach der Wirkmächtigkeit künstlerischer Erinnerungsorte gehen. Bei Lena Schmidt aus der Wilhelm-Wagenfeld-Schule hat die Projektarbeit ein erstes Interesse und Sensiblität für das Problem der rechten Gewalt geweckt. »Auch in Zukunft möchte ich mich mit dem Thema auseinandersetzen«, sagt die 16-jährige Schülerin.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 9.8.2018)

Fakten, Fakten, Fakten

7rxoG1a0_400x400Junge Erwachsene diskutieren über Israel

Es ist toll, dass sich so viele Interessierte über Israel austauschen wollen«, sagt Tom Wyrobnik auf dem Weg in den »Kleinen Rittersaal«. Leicht nach Luft schnappend – nicht wegen der vielen Treppen, die zum Tagungssaal der Burg Schwaneck führen, sondern wegen eines Federball-Matches, das der 25-Jährige gerade hinter sich hat.

Rund 30 junge Erwachsene nahmen am Jahresseminar des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft teil. Abseits des Großstadttrubels und in malerischer Atmosphäre fand »Israelpedia« zum ersten Mal in München statt. Dort hat Wyrobnik, der zuvor einige Jahre im Vorstand des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern engagiert war, vor Kurzem ein Junges Forum (JuFo) ins Leben gerufen.

DEBATTEN Beim Seminar wolle man sich vor allem intensiv fachlich auseinandersetzen – »Werkzeuge für die alltägliche politische Arbeit« erhalten, sagt Wyrobnik. Daneben freut sich der Ingenieur über die Möglichkeit, andere Engagierte aus ganz Deutschland kennenzulernen – »natürlich nicht nur beim Federball, sondern vor allem über inhaltliche Debatten«, sagt er und lacht.

Eine dieser Diskussionen beschäftigt sich mit dem Frauenbild im jungen Staat Israel. Es ist das Thema von Julie Grimmeisens 2015 abgeschlossener Promotion, in der sie die Darstellung von Schönheitsköniginnen und Pionierinnen in israelischen Frauenzeitschriften analysiert. In dem Gespräch wurde der Bogen auch zu aktuellen Frauenvorbildern gespannt – von Netta und Wonder Woman bis hin zu eigenen Beobachtungen und Erfahrungen bei Israel-Aufenthalten.

IRAN Jörg Rensmanns Vortrag zur Sicherheitslage Israels fokussierte sich auf das iranische Regime – die aktuell größte sicherheitspolitische Herausforderung, so der Mitarbeiter des Mideast Freedom Forum Berlin. Besonders gefährlich für Israel sei nicht nur das immense Raketenarsenal der vom Iran aufgerüsteten Hisbollah, sondern auch das vom Regime angestrebte Ziel eines über den Irak, Syrien und den Libanon führenden Landkorridors bis zum Mittelmeer. Noch immer sei die Terrororganisation Hisbollah, die mit etwa 900 Kadern auch in Deutschland aktiv sei, nicht verboten. Im Gegenteil, sie werde von Iran-gesteuerten Institutionen wie dem Islamischen Zentrum Hamburg (IZH) weiterhin unterstützt.

»Ich finde es enorm wichtig, dass wir ausführlich über den Iran sprechen«, sagt Tom Wyrobnik. »Denn die von dem Regime ausgehenden Gefahren werden in den deutschen Medien nicht hinreichend berücksichtigt.« Weil das IZH den antisemitischen Al-Quds-Marsch maßgeblich mitorganisiert, veranstaltete man in diesem Jahr eine Gegendemonstration, so Thomas Mayer aus Hamburg.

Rensmann forderte darüber hinaus von der Bundesregierung, die Finanzierung aktueller palästinensischer Schulbücher zu überdenken, da in ihnen die historische jüdische Präsenz und damit das Existenzrecht Israels systematisch geleugnet und das gewaltvolle Märtyrertum glorifiziert werde.

PERSPEKTIVEN Mit arabischen Perspektiven auf Israel beschäftigte sich Johannes Becke, Juniorprofessor an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Anhand von prägnanten Beispielen auch aus der Alltagskultur zeigte er, wie weit verbreitet israelfeindliche Haltungen in den arabischen Ländern sind. In der Regel sind sie an Verschwörungstheorien gekoppelt, die Israel oder auch »die Juden« als skrupellose Zersetzer darstellen.

Gleichzeitig machte Becke deutlich, dass etwa durch die saudisch-israelische Annährung Einzelpersonen durchaus zum Umdenken angeregt werden können: so wie etwa ein saudischer YouTube-Blogger, der in autodidaktisch gelerntem Hebräisch Online-Grußworte an die Israelis sandte.

Passend zum 70-jährigen Jubiläum Israels griff Jörg Rensmann auch die Ideengeschichte des Zionismus auf. Weitere Schwerpunkte lagen auf der Vorgeschichte der Staatsgründung: Die Themen reichten von den zionistischen Einwanderungsphasen über den Arabischen Aufstand 1936–1939, die Peel-Kommission der Briten während der Mandatszeit und die britische »Weißbuchpolitik« bis hin zum Unabhängigkeitskrieg und seinen Folgen.

WESTJORDANLAND Jonathan Shay von der Jewish Agency gab in seinem Vortrag Einblicke in sicherheitspolitische, vor allem aber nationalreligiöse Perspektiven im Westjordanland. »Judäa und Samaria sind keine besetzten, sondern umstrittene Gebiete«, sagte Shay. Vor dem Sechstagekrieg habe es keinen palästinensischen Souverän, sondern lediglich eine völkerrechtswidrige Besatzung des Landes durch Jordanien gegeben. Siedlungsbau sei eine Mizwa. »Das Land ist Abraham, Isaak, Jakob und ihren Nachfahren vor 4000 Jahren und für immer gegeben worden«, ist Shay überzeugt. Im Westjordanland hätten die Israelis blühende Landschaften geschaffen.

Zur Tagung gehörte auch eine Exkursion in den Olympiapark und zum dort vor Kurzem errichteten Mahnmal für die Opfer des Attentats von 1972. »Besonders erschreckend fand ich, wie beiläufig das Olympia-Attentat damals in den Medien erwähnt und mit welcher Beharrlichkeit die Spiele weitergeführt wurden«, sagt Annika Zecher.

QUELLENARBEIT Ein gutes Seminar, urteilten anschließend die Teilnehmer. »Vor allem durch die intensive Quellenarbeit konnte ich mein Wissen vertiefen und Ins­piration für den Unterricht gewinnen«, urteilte Michael Süß, angehender Gymnasiallehrer für Geschichte und Sozialkunde. Dies sei besonders wichtig vor dem Hintergrund der häufig einseitigen, negativen Darstellung Israels in deutschen Schulbüchern, meinte der 29-Jährige. Thomas Mayer aus Hamburg hat der Workshop dazu angeregt, in Zukunft auch kritische Veranstaltungen zur UN sowie zur palästinensischen Flüchtlingsagentur UNRWA zu organisieren.

Kritische Nachfragen seien unaufgeregt und konstruktiv beantwortet worden, lobt Michael Süß die Tagung. »Faktenwissen und das Kennenlernen auch von unbekannten Perspektiven sind die Grundlage für den politischen Austausch«, sagt der Referendar aus München.

»Mit unseren Jahresseminaren möchten wir Grundlagenwissen zur Geschichte und Gegenwart Israels vermitteln – und dabei auch Perspektiven präsentieren, die in Deutschland kaum zu Wort kommen«, sagt Tibor Luckenbach, Bundesvorsitzender des Jungen Forums. »Die Bewertung überlassen wir dann den Teilnehmern selbst«, sagt der 31-Jährige.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 14.06.2018)

Widerstand in der Südheide

7rxoG1a0_400x400Pastor Wilfried Manneke erhielt den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage

Pastor Wilfried Manneke ist ein mutiger Mann. »Jeder von uns hat sicherlich schon einmal an einer Kundgebung teilgenommen«, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, in seiner Begrüßungsrede zum Paul-Spiegel-Preis im Expowal in Hannover. Doch dies sei im Regelfall ungefährlich. »Auch unser heutiger Preisträger Pastor Manneke nimmt an Demonstrationen teil. Er organisiert sie sogar.« Es sind Proteste gegen Rechtsextremismus. »Und das ist etwas ganz anderes, als gegen den Klimawandel oder Hartz IV auf die Straße zu gehen. Die Proteste gegen rechts sind gefährlich«, betonte Schuster.

Für diesen Mut, sich seit Jahrzehnten Rechten entgegenzustellen, wurde der niedersächsische Pastor am Montag in Hannover mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Der Zentralrat der Juden in Deutschland ehrt damit das herausragende Engagement des 64-Jährigen gegen rechte Umtriebe in der Südheide. Zum Festakt waren rund 350 Gäste geladen, die Pastor Manneke mit lang anhaltendem Applaus ehrten.

In seiner Rede betonte Schuster: »Das Engagement von Pastor Manneke ist uns Ansporn und Vorbild. Wir dürfen den rechtsextremistischen Umtrieben nicht tatenlos zusehen. Denn wir alle sind für den Zustand unserer Demokratie verantwortlich.«

ALLIANZ Wilfried Manneke engagiert sich seit 1995 gegen Rechtsextremismus. Damals schloss er sich einem Arbeitskreis gegen ein lokales Neonazi-Zentrum im niedersächsischen Hetendorf an. Viele der beim Festakt in Hannover anwesenden Gäste kenne er schon seit Jahren »von der Straße«, sagte Manneke in seiner Dankesrede.

Mit der Gründung des »Netzwerks Südheide gegen Rechtsextremismus« 2009 und der »Initiative Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus« (IKDR) in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sei es ihm und seinen Mitstreitern gelungen, eine breit aufgestellte demokratische Allianz von Einzelpersonen, Organisationen und Ini­tiativen aus Kirche und Gesellschaft zu schmieden, die sich den lokalen Umtrieben von Neonazis entgegenstellt.

Das Netzwerk »Südheide gegen Rechtsextremismus« wurde nach der Besetzung des Landhotels Gerhus in Faßberg durch Neonazis um den Anwalt Jürgen Rieger gegründet. Es besteht aktuell aus 15 aktiven, ehrenamtlichen Mitgliedern und mehreren Hundert Unterstützern.

SCHULUNGSZENTREN Nachdem verhindert werden konnte, dass das Landhotel Gerhus zu einem Neonazi-Schulungszentrum ausgebaut wurde, engagiert sich das Netzwerk heute vor allem gegen die Neonazi-Treffen auf dem Hof des NPD-Aktivisten Joachim Nahtz bei Eschede. Dort versammelt sich seit über zwei Jahrzehnten die norddeutsche Neonazi-Elite zu Planungs- und Netzwerktreffen und organisiert Rechtsrockkonzerte und nazistische »Brauchtumsveranstaltungen«.

Die IKDR tritt unter ihrem Motto »Unser Kreuz hat keine Haken« rechtsextremen und menschenfeindlichen Haltungen innerhalb und außerhalb der Kirche entgegen und unterstützt demokratische Beteiligung und Bildung für ein Leben in einer offenen Gesellschaft. Seit 2017 ist Pastor Manneke Vorsitzender der IKDR.

»Es ist das erste Mal, dass ich für mein Engagement gegen Rechtsextremismus ausgezeichnet werde«, sagte Manneke in seiner Dankesrede. Dass dieser Preis vom Zentralrat der Juden kommt, sei für ihn eine »besondere Ehre«. Rechtsextremismus und christlicher Glaube sind für Pastor Manneke »unvereinbar«. Rechtsextremismus widerspreche »unseren ethischen Grundsätzen und Maßstäben fundamental«.

DEMOKRATIE Der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage wird seit 2009 vom Zentralrat der Juden vergeben. Damit soll an das unermüdliche Engagement des früheren Zentralratspräsidenten gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus erinnert werden. Gleichzeitig wird mit dem Preis an eine starke Bürgergesellschaft appelliert, ohne die eine stabile und lebendige Demokratie nicht denkbar wäre. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird Pastor Manneke in gleichen Teilen an das Netzwerk Südheide, die IKDR und den Verein Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen stiften.

In ihrer Laudatio hob die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, ebenfalls hervor, dass Antisemitismus und Rechtsextremismus mit dem christlichen Glauben unvereinbar seien. Vor dieser Erkenntnis stünde allerdings eine lange Lerngeschichte voller Schuld und Versagen, sagte Käßmann mit Verweis auf den Antisemitismus Martin Luthers und dessen jahrhundertelange mangelhafte Aufarbeitung in der evangelischen Kirche.

Zwar sei es richtig, dass die Kirchen den Gläubigen nicht vorgeben, welche Partei sie zu wählen haben. Dennoch, so sagte Käßmann mit explizitem Verweis auf die AfD, dürften die Kirchen »sehr wohl fragen, wie jemand eine Partei wählen kann, die die Gebote der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, die Grundüberzeugung von Gottesebenbildlichkeit und Würde eines jeden Menschen ständig infrage stellt«.

GRENZVERSCHIEBUNG Die gezielten Provokationen der Rechtspopulisten und ihr Bestreben, die Grenzen des Sagbaren systematisch zu verschieben, seien hochgefährliche Versuche, die Solidarität in der Gesellschaft zu zerstören. Es werde eine inakzeptable Sprache salonfähig gemacht. »Erst werden Menschen abgewertet, dann werden Menschen angegriffen, erst gibt es gewalthaltige Worte, dann Gewalt in Taten«, sagte Käßmann.

Auch Josef Schuster thematisierte in seiner Rede die Bedrohung der demokratischen Kultur durch die AfD. Er zitierte den Politologen Dolf Sternberger: »Die Barbarei der Sprache ist die Barbarei des Geistes.«

Schuster begrüßte die Ankündigung des TV-Moderators Frank Plasberg, den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland nicht mehr in seine Talkshow einzuladen. Daneben betonte der Zentralratspräsident die »sehr großen Überschneidungen« zwischen AfD und verschiedenen rechtsextremen Gruppierungen und Denkschulen. Mit Verweis auf Untersuchungen des Verfassungsschutzes stellte Schuster fest, dass diese Szene »steten Zulauf« habe und die rechte Gewalt stark zugenommen hat.

DROHUNGEN Pastor Manneke hat selbst Drohungen und Gewalt erfahren. Gegen das Pfarrhaus und auf das Haus zweier weiterer Mitstreiter war 2011 ein Brandanschlag verübt worden. Drohungen per Post und über das Internet erhält er immer noch. Seine Söhne wurden wegen des Engagements ihres Vaters gemobbt und bedroht. Schuster sagte, es sei besonders hervorzuheben, dass Pastor Manneke sich trotz der jahrzehntelangen Schmähungen und handfesten Bedrohungen nach wie vor unermüdlich gegen Rechtsextremismus engagiert. Sein bevorstehender Renteneintritt werde wohl zu noch mehr Aktivität führen, scherzte Schuster.

Unter den Gästen des Festaktes in Hannover waren auch Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, sowie frühere Preisträger. Neben Bürgermeister Thomas Herrmann und dem niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne (beide SPD) sprach auch Gisèle Spiegel, die Witwe des 2006 verstorbenen Zentralratspräsidenten, ein Grußwort.

Ihr Mann sei stets Optimist gewesen, doch ob er mit Blick auf die aktuelle politische Lage noch immer so zuversichtlich in die Zukunft geblickt hätte, zweifelte Gisèle Spiegel an und endete mit den Worten, die den Geist Paul Spiegels spüren ließen: »Machen Sie weiter! Aber passen Sie auf sich auf.«

http://www.zentralratderjuden.de

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 21.06.2018)