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Swinging Addis

cover_VERSORGER120Über die erstaunlichen transkulturellen Sounds aus Äthiopien

»This is another song by myself« – selbstbewusst kündigt Mulatu Astatke mit diesen Worten fast alle seine Stücke an. Und jedes Mal applaudiert das Publikum in vollster Vorfreude auf das, was viele bereits nach wenigen Tönen erkennen und bejubeln. Alle im Berliner Berghain scheinen sich der äußergewöhnlichen Bedeutung von Astakte bewusst zu sein, er selbst eingeschlossen. Doch nicht nur Astakte, der 75-jährige Vater des äthiopischen Jazz, tritt inzwischen regelmäßig in hiesigen Breitengraden auf. Auch Hailu Mergia, ein anderer »golden Oldie« des Ethio Jazz, genießt bei einem hippen westlichen Publikum Kultstatus.

Die musikalischen Anfänge der beiden liegen schon länger zurück. In den 1960ern und 70ern erlebte Äthiopien eine kurze Phase, in der zahlreiche MusikerInnen westliche Popmusik mit landestypischen Tonskalen, Rhythmen, Gesangstilistiken und teils auch Instrumenten verbanden. In der Hauptstadt Addis Abeba blühte das Nachtleben, und obwohl die Musikindustrie unter Kaiser Haile Selassie I. verstaatlicht war, konnte eine enorme Menge unabhängig produzierter Schallplatten auf den Markt gelangen.

Rückblickend wird diese Zeit oftmals als »goldene Ära äthiopischer Popmusik« oder in Anlehnung an das Londoner Pendant als »Swinging Addis« bezeichnet. Astatke avancierte durch seine Tätigkeit als Arrangeur, Komponist und Musiker zu einer zentralen Figur innerhalb der Szene – und veränderte die gesamte äthiopische Musik.

Als der aus einer wohlhabenden Familie stammende Astatke 1969 nach langjährigen Studien-Aufenhalten in Großbritannien und den USA dauerhaft nach Addis zurückgekehrt war, hatte sich die Stadt stark gewandelt. Nach der Niederschlagung des von rebellischen Militärs angestrengten Staatsstreichs 1960 ließ Kaiser Haile Selassie I. eine kulturelle Öffnung zu. Das urbane Nachtleben florierte. Mittendrin: Miniröcke, Motorroller und Musiker, die auf verblüffende Weise Elvis Presley oder James Brown ähnelten.

Haile Selassie I. war es auch, der auf entscheidende Weise zu den Anfängen der äthiopischen Popmusik beitrug. Bei einem Besuch in Jerusalem 1924 war er von europäischen Blechblasinstrumenten so stark begeistert, dass er kurzerhand eine Band von jungen Armeniern engagierte und sie zu seinen Hofmusikern machte. Die Leiter dieser Band, Kevork Nalbandien und sein Neffe Nersès, prägten die äthiopischen Militär- und Polizeiorchester stark. Aus diesen Bands sollten viele der späteren Popmusiker stammen, denn nur als Mitglied eines solchen Orchesters war es damals in Äthiopien möglich, andere als die einheimischen Instrumente zu lernen.

Für Astatke bot dieses alles eine perfekte Gelegenheit. Sehr schnell erhielt er Aufträge, unter anderem für das neu gegründete Label Amha Records, das zwar ohne offizielle Genehmigung, aber keineswegs ohne Wissen der staatlichen Autoritäten einen Großteil der damaligen Popproduktionen veröffentlichte. Astatke brachte schließlich das Vibraphon, die Hammond-Orgel und das Wah-Wah-Pedal mit nach Äthiopien und fügte für seine Latin-Rhythmen noch Congas und Bongos hinzu.

Astatkes hybrider Ethio-Jazz stieß jenseits der hedonistischen Szene in Addis nicht immer auf Enthusiasmus. Äthiopien war auch damals schon ein stark von Nationalismus geprägtes Land, das über Jahrhunderte eine bemerkenswerte kulturelle Isolation und Eigenständigkeit aufrecht erhalten hatte. Dazu gehörte auch die starke Bedeutung von Gesang in der tradtionellen äthiopischen Musik, die es Astatkes instrumentalem Ethio-Jazz mitunter erschwerte, an die Hörgewohnheiten von breiten Teilen der äthiopischen Bevölkerung anzuknüpfen.

Bei Hailu Mergia hingegen spielt der Gesang eine etwas größere Rolle. Ähnlich wie bei Astatke ist auch sein Sound transkulturell: äthiopisch und zugleich global, modern und funky. Mit »Lala Belu« hat der 72-jährige Keyborder und Akkordeonspieler, der seit jeher in verschiedenen Konstellationen musiziert, kürzlich sogar ein neues Album herausgebracht – die ersten neuen Stücke seit langem.

Dass überhaupt so viele MusikerInnen in den 1960er und 70er Jahren westliche mit äthiopischer Musik kombinierten, lag auch am Einfluss der US-Militärbasis im damals noch zu Äthiopien gehörenden Asmara. Dort gab es eigene TV- und Radiostationen, die Songs von Frank Sinatra, John Coltrane oder James Brown spielten, sowie Clubs und Bars, in denen viele US-amerikanische GIs als Musiker auftraten. Zudem brachten die mehreren tausend jungen Freiwilligen der US-amerikanischen Peace Corps ihre Schallplatten und Gitarren mit ins Land. Sie trugen durch ihr von der US-amerikanischen Popkultur beeinflusstes Aussehen sicherlich auch dazu bei, dass diese Modestile nun auch in Addis adaptiert wurden. Dazu kamen die von ÄthiopierInnen selbst aus dem Ausland mitgebrachten Schallplatten.

Als Gründer und Betreiber des ersten unabhängigen äthiopischen Labels Amha Records spielte Amha Eshèté eine zentrale Rolle in der Entwicklung der damaligen Szene. Zunächst importierte Eshèté aktuelle Musik aus dem Westen nach Addis. »Dort gab es nur drei Musikläden, die aber griechische oder armenische Besitzer hatten. Deshalb fühlten sich die Äthiopier etwas ausgeschlossen«, erzählte er dem Ethiopia Observer. Eshètés neu eröffneter Laden lief schnell so gut, dass er weitere Shops in Addis und in anderen Städten eröffnete: »Die Leute waren einfach hungrig auf die neuesten, heißen Acts – James Brown, Jim Reeves, Otis Redding, Wilson Picket und andere«.

Allmählich begann Eshèté damit, auch Musik aus Kenia, Sudan, Westafrika und Indien zu importieren. Und um nicht nur ausländische, sondern auch äthiopische Musik
anbieten zu können, entschied sich Eshèté mit Mitte zwanzig, auch als Produzent tätig zu werden. Mit äthiopischen KünstlerInnen nahm er zwischen 1969 und 1975 insgesamt 103 Singles und 12 LPs auf und verhalf zahlreichen Talenten zu Bekanntheit. Später entstanden weitere wichtige Labels wie Philips Ethiopia und Kaifa Recordings.

»Swinging Addis« wurde durch das repressive sozialistische Mengistu-Regime zerstört. Wie viele ÄthiopierInnen auch wurden einige MusikerInnen und andere Akteure der Szene inhaftiert, getötet oder mussten ins Ausland fliehen. Mulatu Astatke arrangierte sich mit dem Status Quo in Äthiopien, Hailu Mergia ging in die USA. Das neue Regime in Äthiopien verhängte eine nächtliche Ausgangssperre und schloss Clubs, die Vinylproduktion wurde eingestellt.

Nach dem Ende des Mengistu-Regimes 1991 kehrten zwar einige exilierte AkteurInnen der Szene zurück. Insgesamt konnte das Niveau der früheren Musikszene jedoch nicht mehr erreicht werden. Aus diesem Grund blicken heute manche der damaligen ProtagonistInnen zum Teil sehr nostalgisch auf die Zeit des »Swinging Addis« zurück.

Eine gewisse Nostalgie scheinen auch die zahlreichen Wiederveröffentlichungen alter, rarer Aufnahmen aus Äthiopien zu bedienen. Vor allem durch die Serie »Éthiopiques« erleben die Sounds ein andauerndes Revival. Mittlerweile umfasst die Reihe des französischen Labels Buda Musique über 30 Titel. Neben Mulatu Astatke finden sich darin unter anderem die Sänger Mamhoud Ahmed, Alèmayèhu Eshèté, Tlahoun Gèssèssè, Girma Bèyènè sowie die »First Lady des Ethio-Pop«, Bizunesh Bekele. Ebenfalls vertreten ist der Saxofonist Gétatchèw Mèkurya, der bis vor seinem Tod im April 2016 mehrmals mit den niederländischen PunkJazzern von The Ex zusammenarbeitete und dessen sich an traditionellen Gesangsstilen äthiopischer Krieger orientierendes Saxofonspiel mitunter mit dem der stilprägenden Free-Jazzer Ornette Coleman oder Albert Ayler verglichen wird.

Hailu Mergias neues Album »Lala Belu« ist bei Awesome Tapes from Afrika erschienen. Im Vergleich zu den alten Aufnahmen klingt es besser produziert, vielleicht auch etwas glatter. Sowohl in den Kompositionen als auch in den Aufnahmen gewinnen Bass und Schlagzeug an Bedeutung, auf die immer leicht beschädigt klingende Midtempo-Drummachine von früher wird verzichtet. Zwar klingt »Lala Belu« weniger träumerisch und obskur als noch »Hailu Mergia & His Classical Instrument« (1985/2013), dem ersten Re-Release seines Werkes durch Awesome Tapes from Africa. Doch das Hypnotische an Mergias Sound bleibt. Vor allem live funktioniert das ausgezeichnet. Es ist faszinierend, wie Hailu Mergia und seine beiden Bandkollegen ihr wesentlich jüngeres Publikum in den Bann ziehen.

Auch in Interviews ist Mergia, der hauptberuflich als selbstständiger Taxiunternehmer in Washington DC arbeitet, die enorme Leidenschaft fürs Musizieren anzumerken: Angeblich hat er bei jeder Taxifahrt sein Keyboard im Kofferraum mit dabei, um Pausen oder eine Kundschaftsflaute für spontane Sessions auf der Rückbank zu nutzen. Gefragt, warum er das Taxifahren nicht aufgebe, antwortet er trocken: »Irgendwie muss ich ja mein Leben finanzieren, und mein Taxigewerbe erlaubt mir, flexibel zu sein und auch mal ins Ausland auf Tour zu gehen.«

An seiner Wiederentdeckung verdient Mergia fair mit: Brian Shimkovitz, Gründer und Betreiber von Awesome Tapes from Africa, erzählt im Interview, dass er Profit aus Plattenverkäufen zu fünfzig Prozent mit den gesignten Künstlern teilt. Dazu kommen noch die Einnahmen aus den in der Regel wesentlich lukrativeren Liveaufritten. Inzwischen beziehen sich auch jüngere Musiker auf die Sounds von »Swinging Addis« – sei es durch das Sampling der alten Klassiker im Hip-Hop oder mit den eigenen, neuen Bands innerhalb und außerhalb Äthiopiens.

Über die Tourneen oder Re-issues erfahren aber nicht nur die äthiopischen Sounds ihre verdiente Aufmerksamkeit. So umfassen die zahlreichen Wiederveröffentlichungen von Awesome Tapes from Africa etwa auch den ghanaischen Electro-Dance-Rapper Ata Kak, die somalische Dur-Dur Band oder die senegalesische Vocalperformerin Aby Ngana Diop. Andere auf Re-issues spezialisierten Labels wie Buda Musique tragen ebenfalls dazu bei, die bemerkenswerte Kreativität und Innovationskraft afrikanischer Künstler Jahrzehnte später erneut zu honorieren. Deutlich wird, wie vielfältig die afrikanische Szene damals war und wie sehr die Acts mit modernen Mitteln lokale Eigenheiten mit Einflüssen aus aller Welt vermischten. Ein Albtraum für völkische Reinheitsfanatiker und für Rassisten, die Afrika als geschichts- und kulturlosen Kontinent imaginieren.

(veröffentlicht in: Versorgerin 120, Dezember 2018)

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W wie Weitermachen

indexVor drei Jahren sagte Angela Merkel »Wir schaffen das« – und viele Freiwillige packten kräftig mit an. Wie steht es heute um die vielen Initiativen und Vereine, die damals entstanden? 

Thorgen Flor war überrascht, als es im Sommer 2015 Hunderttausenden Menschen gelang, nach und durch Europa zu flüchten. Noch mehr überrascht, »ja fast schon überwältigt« hatten den Bremer Politikwissenschaftsstudenten aber die Reaktionen vieler Menschen in Deutschland. Die Bilder vom Münchener Hauptbahnhof zeigten für ihn das, was später »Willkommenskultur« genannt wurde: eine ungewöhnliche Koalition aus Studierenden und RentnerInnen, linken AntirassistInnen und PastorInnen, die Geflüchtete nicht nur spätnachts an Bahnhöfen begrüßten, sondern auch mit Kleiderspenden oder – wie Flor – beim Deutschlernen unterstützten.

Angela Merkels Satz »Wir schaffen das« jährt sich nun zum dritten Mal. Die Migrationspolitik der Bundesregierung ist in den Jahren Schritt für Schritt restriktiver geworden, immer wieder werden Forderungen nach schnelleren Abschiebungen und geschlossenen Grenzen laut – und zwar längst nicht nur aus den Reihen der AfD, die mittlerweile im Bundestag und jedem Landesparlament vertreten ist. Die öffentliche Meinung ist gespalten.

Einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge setzen sich aber aktuell immer noch 19 Prozent der deutschen Bevölkerung für Geflüchtete ein. Seit 2015 haben sogar 55 Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge auf unterschiedliche Weise unterstützt. Wer sind diese Menschen, und was motiviert sie? Und vor allem: Wie wirken sich die verhärtete politische Situation und die öffentliche Debatte auf ihr Engagement aus?

»Die Protagonisten der Willkommenskultur haben als breite Bürgerbewegung agiert – das war besonders«, sagt Werner Schiffauer, Mitglied im Rat für Migration, einem bundesweiten Zusammenschluss von MigrationsforscherInnen. Die Engagierten hatten Schiffauer zufolge teils sehr unterschiedliche Beweggründe: So trafen Ehrenamtliche, die erstmals und vor allem karitativ tätig waren, auf erfahrene Flüchtlingsunterstützer. In der Allensbach-Studie heißt es entsprechend: »Der Kreis der Engagierten spiegelt im Großen und Ganzen die Gesellschaft wider«.

Inzwischen gibt es in Deutschland 15.000 Unterstützungsprojekte, schätzt Schiffauer. Neuartig sei dabei auch die persönliche Nähe zwischen den Helfenden und den Geflüchteten. Darin liege das Potenzial, Vorurteile ab- und Solidarität aufzubauen. Geflüchtete bekamen plötzlich ein Gesicht und wurden weniger stark als anonyme Masse wahrgenommen.

»Manche Helfer hatten bestimmt auch einen überpositiven Blick auf Geflüchtete, der sich gar nicht am konkreten Individuum orientierte«, sagt Flor. Aber von einer verklärenden Haltung, wie sie den Engagierten immer wieder vorgeworfen wurde, sei die Szene, wie er sie in Bremen kennengelernt hat, weit entfernt. Das Wissen um die individuellen Lebensgeschichten hatte Flor verdeutlicht, »wie absurd« manche bürokratischen Kategorisierungen seien. Heute sehe er etwa das Konzept des »sicheren Herkunftsstaates« wesentlich kritischer.

Das durch persönliche Erzählungen vertiefte Verständnis für Fluchtursachen – wie etwa der Krieg in Syrien oder die Situation in Afghanistan – bezeichnet Miriam Edding als »worlding«. Die Hamburgerin ist bei Watch the Med aktiv, einem internationalen Freiwilligen-Projekt, das sich für die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer einsetzt.

Bei vielen Engagierten beobachtet Edding eine »zunehmende Frustration«. Dies liege vor allem an der politischen Polarisierung und der verschärften Situation für die Geflüchteten, deren Bleibeperspektiven und Chancen auf Familiennachzug sich im Vergleich mit 2015/2016 häufig verschlechtert haben. Gleichzeitig gebe es aber auch eine Professionalisierung: Die Engagierten profitieren von den jahrelangen Erfahrungen in Öffentlichkeitsarbeit, Projektfinanzierung und in der Zusammenarbeit mit Geflüchteten. Dadurch könnten sie auf neue Herausforderungen häufig schneller und flexibler reagieren als die »oft überbürokratisierten staatlichen Behörden«.

Bei nicht wenigen Engagierten fällt Schiffauer eine »Jetzt erst recht«-Haltung auf – vor allem dort, wo die migrationspolitischen Verschärfungen besonders groß sind, wie etwa in Bayern. »Viele fragen sich: Was ist aus dem Land von 2015 geworden, aus dem zivilgesellschaftlichen Aufbruch?« Aus den politischen Entwicklungen erklärt sich der Kulturwissenschaftler auch, weshalb kaum noch neue Freiwillige dazukommen: Mancherorts sei die Unterstützung von Geflüchteten mit einem großen Stigma belegt. Gleichzeitig seien aus dieser gesellschaftlichen Abwertung aber auch Gegenbewegungen entstanden, wie etwas das bundesweite Solidarity-City-Netzwerk.

Das Engagement für Geflüchtete begann nicht erst 2015, betont Migrationsforscher Serhat Karakayali von der Humboldt-Universität zu Berlin: Bereits Jahre zuvor ließ sich ein deutlicher Anstieg von Ehrenamtlichen beobachten. Zudem habe es, etwa mit der »Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen«, schon seit Jahrzehnten bedeutende Unterstützergruppen gegeben. Im Gegensatz zur »Willkommenskultur« sei dieses Engagement jedoch dezidierter Teil einer linken antirassistischen Bewegung gegen globale soziale Ungleichheit gewesen, so Karakayali.

Indem die Ehrenamtlichen heute oft als eine Art »Anwälte« der Geflüchteten agieren und bei Behörden Leistungen erkämpfen, sind sie häufig politischer als angenommen, sagt Karakayali. Die Engagierten errichten zum Beispiel Versorgungsstrukturen, für die sie eigentlich den Staat in der Verantwortung sehen. Das heutige Engagement gelte vielen als Zeichen gegen den Rechtspopulismus.

Integration wird dabei, so Karakayali, nicht als »einseitige Bringschuld der Migranten“ verstanden, sondern als ein »Aufeinanderzubewegen«. Am Ende werde nämlich im besten Fall auch die Lebenswelt der Engagierten bereichert – so wie bei Thorgen Flor aus Bremen, zu dessen Freundeskreis heute auch Geflüchtete gehören.

(veröffentlicht auf: fluter.de, 30.11.2018, zusammen mit David Niebauer)

Durch die Kinder zurück ins Leben

7rxoG1a0_400x400Erna de Vries hat die Pogrome in der Pfalz erlebt, war in Auschwitz und ist dennoch in Deutschland geblieben

Mit meinen 95 Jahren fällt mir das Hören und das Lesen auf dem iPad schwer. Doch zum Glück kommen meine beiden Töchter oft aus Osnabrück angereist. Sie kümmern sich liebevoll um mich, genauso wie meine Betreuerin Alina. Aber ich sitze nicht herum und drehe Däumchen.

Vor vier Jahren wurde mir immerhin das Bundesverdienstkreuz verliehen. Und ich bin Ehrenbürgerin von Lathen – der Platz vor dem Rathaus, zwei Schulen und unser früheres Wohnhaus sind nach mir benannt: Erna de Vries.

Eigentlich stehe ich nicht gern im Mittelpunkt, aber es ist mir wichtig, meine Geschichte zu erzählen. Seit mehr als 20 Jahren besuche ich regelmäßig Schulen. Angefangen hat das in Kaiserslautern, wohin mich Ende der 90er-Jahre ein Historiker einlud. Dort wurde ich auch als Erna Korn geboren. Doch als meine Heimat kann ich es nicht bezeichnen – zu böse sind die Erinnerungen an die Stadt, in der wir überall, auf der Straße und in der Schule, angefeindet wurden.

WARNUNG An den 9. November 1938 erinnere ich mich genau. Am frühen Morgen des 10. November wurde unsere Familie von einem ehemaligen Angestellten gewarnt, der auf seinem Weg durch die Stadt Zeuge der dortigen Ausschreitungen geworden war. Trotzdem machte ich mich wie gewohnt auf den Weg zur Arbeit in die jüdische Wäschenäherei.

Nach kurzer Zeit kamen bewaffnete SA-Trupps. Sie befahlen allen Angestellten, das Gebäude zu verlassen und sich in einer Reihe aufzustellen. Die jüdischen Angestellten mussten vortreten. Aus Sorge um meine Mutter verweigerte ich den Befehl. Stattdessen lief ich nach Hause und berichtete von meinen Erlebnissen. Von dort flohen meine Mutter und ich zum Grab meines Vaters auf dem christlichen Friedhof, wo wir hofften, in Sicherheit zu sein. Nach kurzer Zeit kehrte ich gegen den Willen meiner Mutter zurück, da ich wissen wollte, was dort geschieht: Ich musste miterleben, wie mein Zuhause vom Mob verwüstet wurde.

Wir waren hilflos – wie mehr oder weniger alle Juden. In diesem Moment bin ich eigentlich erwachsen geworden, denn ich wusste: Wir sind jetzt vogelfrei; jeder kann mit uns umgehen und umspringen, wie er will.

Nachdem sich der Mob zurückgezogen hatte, kehrte ich erst zum Friedhof und danach zu unserem Haus zurück. Doch ein Beamter der Kriminalpolizei klopfte an der Tür und forderte uns auf, die Stadt noch am selben Abend zu verlassen. Kaiserslautern sollte »judenfrei« werden. Wir flohen zu Verwandten nach Köln. Doch schon Ende November ging meine Mutter nach Kaiserslautern zurück und setzte das Haus notdürftig wieder instand. Ich folgte ihr einen Monat später.

NACHBARN Kaiserslautern habe ich hinter mir gelassen. Nun bin ich Emsländerin und lebe seit fast 70 Jahren in Lathen. Hätte mein Mann Josef mit Eisbären gehandelt, ich wäre mit ihm sogar nach Grönland gegangen. Auch er hatte verschiedene Lager überlebt. Kennengelernt haben wir uns 1946 in Köln. Josef wohnte damals für ein paar Tage bei Verwandten von mir. Ob ich ihm die Stadt zeigen möchte, fragte er damals. Da ich Köln aber kaum kannte, verneinte ich. »Wir können sie ja auch zusammen kennenlernen«, entgegnete er – so wie Männer das nun einmal machen. Wenig später haben wir geheiratet und sind hierhergezogen, in die Stadt, in der mein Mann auch aufgewachsen ist.

In Lathen zu leben, gefällt mir inzwischen, doch ein Gefühl hat mich nie verlassen: abgelehnt, nicht gewollt zu sein. Ich würde nie ohne Einladung zu den Nachbarn gehen; man muss offen auf mich zugehen, ich selbst kann das nicht mehr.

Eigentlich wollte ich Ärztin werden, doch unter den Nazis durfte ich nicht einmal das Abitur machen. In Köln gab es ein schönes jüdisches Krankenhaus, dort hätte ich stattdessen eine Ausbildung zur Krankenpflegerin machen können. Aber mit noch nicht einmal 18 Jahren war ich dafür noch zu jung. So begann ich 1939 in einem jüdischen Seniorenheim eine Hauswirtschaftslehre.

Dort kam ich auch mit vielen jüdischen Bräuchen und Regeln in Kontakt, die ich von zu Hause gar nicht so wirklich kannte, denn meine Mutter hat ihr Judentum so gelebt wie mein Vater sein Christentum: wenig religiös. Unser Haushalt wurde nicht koscher gehalten, aber an den Hohen Feiertagen gingen wir in die Synagoge, und ich hatte auch jüdischen Religionsunterricht. In der Speditionsfirma meiner Eltern habe ich mitgeholfen, vor allem nach dem frühen Tod meines Vaters – bis uns 1935 die Lizenz entzogen wurde und wir vom Ersparten leben mussten.

AUSBILDUNG Über meine Jugendfreundin, die aus einem sehr religiösen Elternhaus kam, habe ich vieles am Judentum kennengelernt, was mir heute noch wichtig ist. Ich kann es mir nicht erklären, aber mich hat das damals alles sehr angezogen. Dazu kam das jüdische Seniorenheim, in dem wir den Schabbat streng eingehalten hatten. Kochen durften wir nur noch vegetarisch, weil das Schächten schon verboten war.

Pünktlich mit 18 Jahren habe ich 1941 im Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenschwester angefangen. Die Nächte verbrachten wir wegen der Bomben im Keller, wohin alle Patienten gehen mussten, die noch laufen konnten. Der Krieg hatte bereits begonnen, und die Nazis hatten mich zur »Halbjüdin« gemacht.

Im Krankenhaus behandelten wir auch Menschen, die den Konzentrationslagern durch Suizid entkommen wollten, überlebten und dann verletzt zu uns kamen. Nachdem ich im Krankhaus von den Deportationen erfahren hatte, gab ich die Ausbildung auf und beschloss, zurück zu meiner Mutter nach Kaiserslautern zu gehen. Wenn man zusammen deportiert wurde, könne man einander helfen, dachte ich in Sorge um meine Mutter. Im Juni 1943 hielt dann ein Auto vor unserem Haus, um meine Mutter abzuholen. Ich musste die Nazis anflehen, sie begleiten zu dürfen.

SCHIKANEN Meine Mutter ist in Auschwitz geblieben. Sie hat mir immer wieder mitgegeben: »Du wirst überleben, denke daran und erzähle, was man mit uns gemacht hat.« Ohne weitere Familienmitglieder standen wir alleine in der Welt, immer wieder sagte sie zu mir, 19 Jahre alt: »Du wirst überleben.«

Nach vier Wochen im Quarantäne-Block, in dem wir ausgekochtes Gras tranken und Kartoffelschalen aßen, mussten wir Zwangsarbeit leisten. Wir wurden schikaniert und geschlagen. Die lauten Befehle und das Geschrei sind mir besonders in Erinnerung geblieben.

Als meine Mutter und ich tagelang und vollkommen ohne Sinn und Zweck Schilf aus einem trüben Tümpel fischen mussten, standen wir jedes Mal bis zur Brust im Wasser. Wir wurden nie richtig trocken, was zusammen mit den Schnitten durch das Schilf zu eitrigen Entzündungen an meinen Beinen führte. Ich wurde aussortiert und in den Todesblock geschickt.

Ich wusste, was mit mir passieren sollte. Mit meinem Tod hatte ich mich bereits abgefunden. Unerwartet befahl ein SS-Mann, die Nummer 50462 sollte sich melden. »Du hast mehr Glück als Verstand«, sagte er und schubste mich in eine andere Baracke. Dort erzählte mir eine Frau von einem Dekret. Himmler hatte befohlen, »Halbjuden« sollten von nun an nicht mehr vergast werden. Ich wurde dann als Zwangsarbeiterin in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Dafür war ich den Nazis gerade noch gut genug.

GEBURTSTAG Später in Ravensbrück musste ich für Siemens Mikrofone zusammen- und einbauen. Auch dort hatten wir keine Namen. Wurden hin- und hergeschoben, kaum mit einer Möglichkeit, überhaupt zu handeln. Einmal aber gelang mir das doch. An meinem 20. Geburtstag sollte ich eine riesengroße Walze ziehen. »Heute nicht«, nahm ich mir vor – und bin für einen kurzen Moment untergetaucht und wurde nicht entdeckt. Niemand im Lager hat mich verraten.

In Ravensbrück erfuhr ich, dass meine Mutter in Auschwitz vergast worden ist. Diese Teile meiner Biografie erzähle ich auch vor Schulklassen ohne Auslassungen, vorausgesetzt, die Jugendlichen sind alt genug. Es ist nicht nur meine Geschichte, sondern sie steht auch für die von Millio­nen anderen, die sie nicht mehr erzählen können. Den Schülern beantworte ich alle Fragen – nur nicht zum Nahostkonflikt, was ich die Moderatoren bitte, immer gleich am Anfang deutlich zu machen. Denn das ist ja schließlich nicht das Thema meiner Berichte.

Einmal habe ich auch vor Gericht ausgesagt: in Detmold, im Prozess gegen den SS-Obersturmführer Reinhold Hanning, der in Auschwitz Wachmann war. Auch wenn viele Täter zu alt sind, um ihre Strafe abzusitzen, sind die Gerichtsprozesse wichtige Zeichen. Die Täter sollen wissen, dass sie nicht ungestraft davonkommen, und auch die Jugendlichen sollen sich dessen bewusst sein. Interessanterweise fragen meine jungen Zuhörer nur selten danach, was aus den früheren Wachmännern und Kommandanten geworden ist.

Nach der Räumung des Lagers Ravensbrück habe ich mich zusammen mit den anderen Insassen bei einem Todesmarsch bis Mecklenburg geschleppt, wo wir von alliierten Soldaten befreit wurden. Mit meinen drei Freundinnen Ruth und Esther habe ich mich bei Banzkow bettelnd durchgeschlagen. Die beiden Schwestern sind sobald wie möglich nach Palästina ausgewandert. Ich selbst konnte bei einer Bauernfamilie unterkommen, bis ich wieder genügend Kraft hatte, um nach Köln zu gehen.

FAMILIE Lea, Ruth und Karl – unsere Kinder haben uns ins Leben zurückgeholt. Auch ihnen haben wir unsere Geschichte erzählt, manchmal auch, indem wir schlicht vergessen hatten, dass sie mit im Raum waren und mir und meinem Mann bei den Gesprächen zuhörten.

Wenn jüdische Freunde zu Besuch waren, haben wir schon nach wenigen Minuten über unsere Erfahrungen geredet. Bei unseren Enkelkindern haben wir darauf geachtet, nur auf ihre Fragen zu antworten und sie dadurch Stück für Stück und altersgerecht an unsere Geschichte heranzuführen. Wenn alte Braune heute behaupten, sie hätten nichts gewusst, hätten nichts gesehen, wird mir ganz übel.

Mein Mann ist 1981 gestorben. Wir haben immer in Lathen gelebt, mein Mann war hier sehr, sehr stark verwurzelt. Einmal wären auch wir fast nach Israel ausgewandert. Das erste Haus in Lathen war schon verkauft, Baupläne für ein neues Haus in Israel lagen bereit. Unsere Kinder Karl und Lea studierten damals in Israel und warteten schon auf uns. In letzter Minute entschieden wir uns gegen die Alija: Mein Mann konnte dem Emsland einfach nicht den Rücken kehren, trotz allem, was man ihm dort angetan hatte, und obwohl er insgesamt sechs Jahre in Neuengamme, Sachsenhausen und Auschwitz gelitten und seine gesamte Familie verloren hatte.

FREUNDINNEN Bei einem Israelbesuch Anfang der 60er-Jahre habe ich zufällig meine Freundinnen Esther Mandel und Ruth Weiss, mit denen ich zusammen die Befreiung erlebte, wiedergetroffen. Unsere Beziehung war bis zum Tod der beiden sehr eng. Nach dem Tod meines Mannes bin ich häufig nach Israel gereist, meistens zweimal im Jahr zu Pessach und zu Rosch Haschana.

Lea wohnte dort für einige Jahre, Karl hat mit seiner Familie eine neue Heimat gefunden. Um nach Israel zu fliegen, bin ich nun zu alt, aber regelmäßig bekomme ich von meinen Lieben Besuch. Wenn ich in meinem Wohnzimmer sitze, sehe ich mir auf meinem iPad häufig mein Lieblingsfoto an: ein Bild von meinen Enkeln. Von Rebecca und David, Iris und Alon, Dan und Joel.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 8.11.2018)

Realistische Optimisten

7rxoG1a0_400x400Seit zwei Jahren gibt es wieder eine liberale jüdische Gemeinde in Bremerhaven

Nach ihnen, die Dame« – Mircea Ionescu lässt keine Gelegenheit zu einem guten Plausch aus. Erst recht am frequentierten Fischmarkt in Bremerhaven. »Natürlich« esse er Fisch, sagt er, während er darüber fachsimpelt, welcher Verkaufsstand die beste Ware anbietet.

In der Gemeinde Menorah, die Ionescu 2016 mitgegründet hat, gebe es »solche und solche Ernährungsgewohnheiten«, sagt er. Der 64-Jährige selbst verzichtet auf Schwein. »Ich bin doch Fischkopf-Jude«, lacht der sympathische Cellist, der am hiesigen Philharmonischen Orchester angestellt ist. Man merkt: Iones­cu fühlt sich wohl in Bremerhaven. Er kennt viele Menschen, ist am Stadtleben interessiert – und aktuell dabei, zusammen mit einigen Mitstreitern, die liberale Gemeinde weiterzuentwickeln und sie in der Bremerhavener Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Ihre Feste feiert die Menorah Jüdische Gemeinde zu Bremerhaven e.V. in der Villa Schocken, einem Gebäudekomplex im Norden Bremerhavens. Benannt nach den Schockens, einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die sich vor der Schoa im Gemeindeleben stark engagiert hat.

Teile der Familie konnten nach dem Novemberpogrom ins Ausland fliehen, Jeanette Schocken blieb mit ihrer Tochter Edith, die wegen des Nazi-Terrors psychisch erkrankt war, in der Region. 1941 wurde sie zusammen mit anderen Bremer und Bremerhavener Juden nach Minsk deportiert und mutmaßlich im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet. Inzwischen gehört die Villa Schocken der Arbeiterwohlfahrt, die dort ein Seniorenheim betreibt. Ein Gedenkstein erinnert an die Vorbesitzer des Gebäudes.

RABBINERFRAGE Einen eigenen Rabbiner oder Kantor hat die Menorah-Gemeinde derzeit nicht. Bis zu 30 Personen kommen zu den Veranstaltungen im Festsaal der Villa Schocken. Die meisten Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, an vielen Festen nehmen regelmäßig auch nichtjüdische Interessierte und Familienangehörige teil. Ionescus Lebensgefährtin ist ebenfalls nicht jüdisch. »Ich wollte mich da nicht unnötig beschränken«, sagt der Gemeindevorsitzende und lacht.

»Hallo Mircea, du bist es doch, oder?« – im Türrahmen trifft Ionescu unerwartet auf einen ehemaligen Nachbarn. Die beiden haben sich Jahrzehnte nicht gesehen. »Gemeindevorsitzender? Ich wusste ja gar nicht, dass du jüdischen Glaubens bist«, sagt der ehemalige Nachbar. »Die Deutschen scheuen sich, das Wort ›Jude‹ zu sagen«, entgegnet Ionescu trocken.

Plötzlich befinden wir uns unbeabsichtigt inmitten einer Art Testlauf von »Leih Dir einen Juden« – dem ersten großen Projekt der Menorah-Gemeinde, durch das sie seit diesem Herbst Austausch und Dialog mit den nichtjüdischen Bremerhavenern schaffen und ihnen Wissen über das Judentum vermitteln will. Für die Auftaktveranstaltung am 30. September im Auswandererhaus hatte die Gemeinde den Publizisten Micha Brumlik als Redner und den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, als Schirmherren gewinnen können, erzählt Ionescu nicht ohne Stolz.

CRASHKURS Ionescu packt die Gelegenheit beim Schopf: Der Crashkurs »Judentum« beginnt und entwickelt sich zu einem schlagfertigen Ping-Pong-Spiel: »Weißt du, seit wann es die Zweistaatenlösung gibt?« – »Bestimmt erst seit ein paar Jahrzehnten, ich habe mal von Oslo gehört.« – »Nein, schau dir mal den UN-Teilungsplan und die Reaktionen der arabischen Staaten darauf an.« – »Wie viele Araber gibt es in Israel?« – »Du meinst, im Westjordanland?« – »Weißt du, wie viele Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran vertrieben wurden?« – »Keine Ahnung, das höre ich gerade zum ersten Mal.«

Ionescu lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er scheint die eigenartige Mischung aus Unkenntnis und Interesse, Kumpelhaftigkeit und übertriebener Höflichkeit des Bekannten als persönliche Herausforderung aufzufassen. Als man auf die leidvolle Geschichte der Villa Schocken während des Nationalsozialismus kommt, fällt dem ehemaligen Nachbarn nichts weiter ein, als dass er es bedauerlich fände, »dass sich die Juden damals nicht gewehrt« hätten. Vom Aufstand im Warschauer Ghetto oder der nationalsozialistischen Zwangsorganisation der Gemeinden hatte er nach eigener Auskunft bis dato nichts gewusst.

ERFOLGE Wissenslücken, die »Leih Dir einen Juden« füllen will. Sowohl das Bremer Projekt »Köfte Kosher« wie das Bremerhavener werden an der Universität Bremen begleitend ausgewertet. Dabei soll vor allem die Frage beantwortet werden, wie erfolgreich die Begegnungen im Rahmen der Projekte letztlich sind.

Außerdem versucht die Menorah-Gemeinde, auch über VHS-Kurse auf die jüdische Geschichte in der Region aufmerksam zu machen. »Selbst im Plattdeutschen gibt es Wörter, die aus dem Jiddischen stammen«, erklärt Ionescu fasziniert. »Der Ursprung von ›tenneff‹, was so viel wie Unfug bedeutet, dürfte den meisten Bremerhavenern unbekannt sein«, meint Ionescu.

Leonid Boguslavski ist zweiter Vorsitzender der Gemeinde. 1993 ist er aus der Ukraine nach Eisleben und von dort nach Bremerhaven gekommen. »Gut so, denn ich wollte nicht von Ost nach Ost«, sagt der 57-Jährige lachend. Boguslavski versteht sein Judentum weniger im religiösen als vor allem im kulturellen Sinn. Auch er hat eine nichtjüdische Ehefrau. Schon seine Eltern waren liberale Juden. Allerdings »nicht ganz freiwillig«, wie Boguslavski ergänzt. »Denn in der Sowjetunion gab es ja nur eine erlaubte Religion: den Kommunismus.«

Er erzählt von einer Untergrund-Synagoge in Winniza, in der seine Eltern Mazzen gebacken haben. In der Bremerhavener Gemeinde kümmert sich Boguslavski vor allem um organisatorische Angelegenheiten, wie etwa den Aufnahmeantrag in die Union progressiver Juden in Deutschland. »Ich habe den Eindruck, wir kommen voran – Schritt für Schritt«, sagt er.

DEKLARATION Kurz nach der Gründung hatte die Gemeinde eine Deklaration unterzeichnet, in der sie das Grundgesetz über die Halacha stellt. Vorbild dafür war die Gemeinde in Oldenburg, die diese Deklaration unter dem Eindruck des Charlie-Hebdo-Massakers verfasst hatte. Darin eingeschlossen sieht Ionescu auch eine progressive Haltung gegenüber möglichen homosexuellen Gemeindemitgliedern. »Wir sprechen die Leute nicht darauf an, denn die eigene Sexualität ist Privatsache, da muss jeder selbst entscheiden, wie offen er oder sie damit umgeht.« Und fügt hinzu: »Wir alle sind doch Gottes Geschöpfe!«

Da die Menorah-Mitglieder im Berufsleben stehen, seien Probleme mit der deutschen Sprache, so wie sie in vielen von russischen Zuwanderern geprägten Gemeinden existieren, nicht vorhanden, erzählt Anna Rosenberg. 2007 zog sie zu ihrem Mann nach Bremerhaven. In Irkutsk arbeitete sie als Journalistin, heute ist sie Altenpflegehelferin. Bevor die Menorah-Gemeinde gegründet wurde, hatte die 53-Jährige in Bremerhaven ihr Judentum vor allem im privaten Rahmen gelebt.

Rosenberg ist froh über die Existenz der neuen Gemeinde und freut sich auf die zukünftigen Gemeindeaktivitäten. »Wir haben nicht viel Nachwuchs«, sagt sie. »Dadurch können wir nicht abschätzen, was in 20 Jahren hier los sein wird.« Das Nachwuchsproblem macht auch Ionescu und Boguslavski zu schaffen, trotzdem blicken sie nach vorn und gehen die Gemeindearbeit mit sichtbarer Freude an. Und mit viel Humor. »Wir sind realistische Optimisten«, meint Ionescu lachend.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 18.10.2018)

Ein Teil von Werder

7rxoG1a0_400x400Der Verein widmet den Platz am Stadion seinem jüdischen Präsidenten Alfred Ries

Ein grünes Rasenband von etwa 30 Metern trennt das Fußballstadion in Bremen von der Weser. Bis vor Kurzem hieß diese Rasenfläche, die gleichermaßen Hochwasserschutz für das Fußballoval wie Naherholungsraum war, schlicht »Grüne Promenade«.

Jetzt wurde sie dem ehemaligen, langjährigen Präsidenten von Werder Bremen, Alfred Ries, gewidmet. Der jüdische Sportfunktionär, der vor dem NS-Regime fliehen konnte, war nach der Schoa nach Bremen zurückgekehrt und wirkte noch zwei weitere Male als Werder-Präsident. Während Ries’ letzter Amtszeit als Präsident gewannen die Fußballer vom SV Werder 1965 erstmals die deutsche Meisterschaft.

In Bremen gestaltete der Kaufmann Ries sowohl vor 1933 wie auch nach 1945 nicht nur den Sport, sondern auch die Politik mit. Und doch war seine Biografie lange Zeit weitgehend vergessen. Bis eine Gruppe Werder-Fans begann, zum Leben von Alfred Ries zu recherchieren, und Ende 2017 eine detaillierte Broschüre über ihn publizierte. »Ich war erstaunt, dass Ries vielen Bremern so lange unbekannt war«, sagte Thomas Hafke, einer der Hauptinitiatoren, bei der Buchpräsentation.

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Die Ehrung von Alfred Ries begrüßt auch der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen, Grigori Pantijelew. »Das ist die Krönung der Bemühungen der Fans, Ries’ Biografie bekannter zu machen«, sagt er. Eine Platzeinweihung am Schabbat stellte für die Gemeinde kein Problem dar. Die »sei schlicht unvermeidlich«, meint Pantijelew, da die Fußballspiele nun einmal traditionell samstags stattfinden und sich der »Tach der Fans« in der vorvergangenen Woche für die Ehrung besonders gut anbot.

»Alfred Ries hat es geschafft, zurückzukehren, die Hand zu reichen und weiter bei Werder Bremen und in der Gesellschaft und Politik mitzuwirken«, erklärte Gemeindevorsitzende Elvira Noa in einem Grußwort, das zur Einweihung verlesen wurde. Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald lobte Ries als bedeutende Persönlichkeit, die in der Vereinsgeschichte einen besonderen Platz einnehme: In die Zeit von Ries’ Präsidentschaften fielen neben dem Wiederaufbau des Vereins nach dem Krieg sowie der Gründung der Fußball-Bundesliga 1963 unter Werder-Beteiligung und der ersten Fußballmeisterschaft der Bau des Vorläufers des heutigen Weserstadions.

POPULISMUS Außerdem sprach Daniel de Olano (SPD), stellvertretender Sprecher des Beirats Östliche Vorstadt, der auf Initiative von Thomas Hafke über die Benennung einstimmig, fraktionsübergreifend und ungewöhnlich schnell entschieden hatte. Bürgermeister Carsten Sieling betonte, wie wichtig das Erinnern an Nationalsozialismus und Schoa gerade in Zeiten von Populismus sei. Für ihn ist die Eröffnung des Platzes ein wichtiges Signal: »Alfred Ries ist ein Vorbild. Die Einweihung des Platzes ist ein großartiges Zeichen für Bremen und die Menschen, die sich für die Stadt engagieren.«

Zu den leidenschaftlich Engagierten gehört das Ehepaar Harms. Vor zwei Jahren sprach Vera Harms, eine pensionierte Ärztin, Thomas Hafke, der damals beim Fanprojekt Bremen arbeitete, auf Alfred Ries an. »Ich selbst kannte Ries zuvor auch nicht«, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen. Doch bei den Besuchen des Grabes ihrer Eltern auf dem Jüdischen Friedhof in Hastedt war sie von ihrem sportbegeisterten Mann Dirk auf die verwitterte Grabstelle des ehemaligen Werder-Präsidenten aufmerksam gemacht worden.

Schnell fand sich eine Gruppe für die Arbeit an der Broschüre zusammen. Neben Vorarbeiten anderer Historiker werteten die Herausgeber Akten aus dem Auswärtigen Amt und dem Staatsarchiv aus und führten Interviews mit Alfred Ries’ Witwe Hilde. In der bilderreichen Broschüre finden sich zahlreiche Fotos aus ihrer Privatsammlung.

RECHERCHE Auch Fabian Ettrich war an der Recherche beteiligt. Der 35-jährige Historiker hofft darauf, dass bald noch weitere Lücken in der Geschichte des SV Werder geschlossen werden. »Nach wie vor ist vieles darüber unklar, wie genau sich Werder in vorauseilendem Gehorsam dem NS-Führerprinzip unterworfen und seine jüdischen Spieler und Funktionäre aus dem Klub gedrängt hat.«

Ettrich stellt eine »gewisse Offenheit« beim Verein fest, ist aber der Überzeugung, dass es zur weiteren Auseinandersetzung mit Ries’ Biografie zusätzlichen Antrieb von außen braucht. »Immerhin ist Alfred Ries und seinem Leben im Werder-Museum inzwischen wesentlich mehr Raum gegeben worden«, erzählt Ettrich. Doch über die Schicksale vieler weniger prominenter jüdischer Werder-Spieler und -Funktionäre sei nach wie vor zu wenig bekannt, sagt der Historiker.

BROSCHÜRE Darüber, wie die Erinnerung an Alfred Ries nach der Platzbenennung lebendig gehalten werden könne, habe man noch nicht nachgedacht, sagt Daniel Behm vom Fanprojekt. Neben dem Verteilen der Broschüre bei Werder-Spielen gebe es aktuell keine weiteren Pläne oder Projektideen. Das Fanprojekt habe allerdings in den vergangenen Jahrzehnten hart daran gearbeitet, die Mitglieder für den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu sensibilisieren, und den Austausch mit israelischen Fangruppen vorangetrieben. Als »wichtiges Instrument gegen Antisemitismus« bezeichnete der SPD-Politiker Daniel de Olano auch die Umbenennung des Platzes.

Am Hastedter Friedhof, wo Alfred Ries begraben ist, hängt seit einigen Monaten eine Gedenktafel, und auch das Grab wurde umgestaltet. Zum Gedenken an Ries’ Eltern Eduard und Rosa, die im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wur-
den, waren vor einigen Jahren zwei Stolpersteine verlegt worden. Es wird sich zeigen, wie es gelingt, die Erinnerung an Alfred Ries nach der Platzbenennung wachzuhalten. Dafür einsetzen werden sich zahlreiche Werder-Fans und unermüdlich Engagierte in jedem Fall.

(veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine vom 23.08.2018)

Israel, wer sind deine Freunde?

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Nichtjuden, die sich für den Staat der meistgehassten Minderheit einsetzen? Sie hätten es sich wirklich einfacher aussuchen können. Zusammen mit Anna Melamed habe ich im Feuilleton der Welt eine Reportage zum nicht-jüdischen Engagement für Israel veröffentlicht (Ausgabe von 07.08.2018).