Rezension »Music from a Frontier Town«

42572722_10156614355808905_5794864738705866752_nMünchen als Frontstadt. Hinter den Eisernen Vorhang senden die USA von hier aus über Radio Free Europe und andere Stationen antikommunistische Propaganda. Daneben wollen sie die Deutschen entnazifizieren – nicht nur durch die Zerschlagung alter Institutionen, sondern auch mittels »cultural diplomacy« und »soft power«. Dass man Dizzy Gillespie oder Louis Armstrong im Kalten Krieg als Botschafter durch die Welt geschickt hat, ist bekannt. Aber Musik als gezielt eingesetztes Medium der Reeducation?

»Portrait from a Frontier Town« heißt eine Komposition von Don Gillis, die Michaela Melián zufällig aus einem Konvolut von 1.630 Schallplatten zog, die über Jahre im Keller des Münchener Amerikahauses eingelagert waren. Vergessene Überbleibsel der früheren von der CIA-Abteilung USIA betriebenen Leihbibliothek. »Viele Platten sind stark abgespielt, die Hüllen nur noch von Klebeband zusammengehalten – die Sammlung scheint ihren Weg durch die Stadt genommen zu haben«, erzählt die Künstlerin, Musikerin und Professorin an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste.

Aus dem Fund hat sie nun mehrere Audioarbeiten produziert. Die Werkgruppe »Music from a Frontier Town« umfasst ein Radioplay (abrufbar über den Hörspielpool des Bayerischen Rundfunks), eine Musik-EP (als MP3 und 12-Inch-Vinyl bei Martin Hossbach/Kompakt erhältlich) sowie eine partizipative 24-Stunden-Installation, die im Mai im Münchener Amerikahaus stand. Darin vermischt, ja, »bastardisiert« Melián aus dem Plattenkonvolut gewonnene Samples zu einer teils meditativen, teils rhythmusorientierten Soundscape. Die Samples bilden die Schwerpunkte der Sammlung ab: moderne Klassik, Broadway, Jazz, aufgezeichnete Radiosendungen sowie Politikerreden aus der Reeducation-Ära und dem Kalten Krieg. Darunter eine Lesung des schwarzen US-Schriftstellers James Baldwin zum Rassismus in den Staaten, die »Dreigroschenoper« von Brecht und Weill, eine kritische Auseinandersetzung mit Hiroshima sowie Field Recordings von Musik verschiedener ethnischen Gruppen – schon vor deren bürgerrechtlichen Gleichstellung war ihre Klangkunst in München ausleihbar.

Zu Beginn nutzten monatlich bis zu 80.000 Personen das umfangreiche Kulturangebot des Amerikahauses. Dass es allerdings viel bewirkte, darf man aus heutiger Sicht bezweifeln. »What is democracy?« ist eine im Hörspiel wiederholt gestellte Frage, »a world without war« eine von US-Politikern mehrfach genannte Hoffnung. Meliáns Komposition bricht diese erstarrten Sätze auf – und erschafft einen eigenwilligen akustischen Raum.

(veröffentlicht in: konkret 09/2018)

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